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Vom Sehen, Gehen und Erzählen

  • Autorenbild: Lars-Henrik Roth
    Lars-Henrik Roth
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Ein persönlicher Essay über Fotografie als Erfahrung - nicht als Ergebnis. | von Lars-Henrik Roth


Sehen

Die Kamera hatte ich etwa ein halbes Jahr, als mir klar wurde, dass mir das Technische allein nicht weiterhalf. Die Kamera war gut, besser als ich sie zu nutzen wusste.

Ich hatte mir die Grundlagen erarbeitet, so gründlich, wie man das mit fünfzehn eben tut. Belichtungszeiten, Blenden, Filmempfindlichkeiten - alles ließ sich lernen. Das Buch, aus dem ich arbeitete, gehörte meinem Vater. Es war ordentlich, sachlich, vollständig. Und es reichte nicht.


Ich merkte das nicht beim Fotografieren, sondern danach.

Die Bilder waren korrekt. Sie waren scharf. Und sie blieben leer.


Also begann ich zu suchen - nicht nach besseren Einstellungen, sondern nach Bildern.

In der Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek im Stadtzentrum standen die Bildbände frei zugänglich. Ich ging regelmäßig dorthin, ohne genau zu wissen, was ich suchte. Ich blätterte, sah, verglich. Ich dachte, wenn ich lange genug hinschaue, würde ich verstehen, warum mich manche Bilder berühren und andere nicht.


Eines Tages stieß ich auf einen Landschaftsband eines japanischen Fotografen. Ich wusste nichts über ihn, nichts über seine Arbeit, nichts über den Kontext. Aber die Bilder hielten mich fest. Es war keine Dokumentation, kein Schnappschuss, keine Beschreibung einer Gegend. Es war etwas anderes. Still. Offen. Zurückhaltend. Wie eine Figur, die vor dem Unermesslichen steht und schweigt.


Ich wusste sofort: So möchte ich Landschaft sehen. Nicht abbilden. Nicht erklären. Sehen.

Nebel brandet gegen den Waldrand wie die Brandung des Meeres

Ich kaufte mir zwei Schwarzweißfilme. Mehr ließ mein Budget nicht zu. Farbfilme und der Prozess der Bildwerdung waren für mich unerschwinglich. Filme waren kein Verbrauchsmaterial, sondern Entscheidungen. Jeder Film musste begründet sein. Jeder Auslöser hatte ein Gewicht. Es war das analoge Zeitalter.

 

Mit dem Bummelzug fuhr ich ins Thüringer Schiefergebirge, an den Hohenwarte-Stausee. Ende August, kurz vor dem Ende der Ferien. Leichter Dunst lag über der Landschaft. Ich besaß kein Stativ. Ich konnte die Kamera nur auflegen, warten, abwägen. Der Film verzieh wenig. Ich versuchte wie ein Biathlet zu atmen, um nicht zu verwackeln. Nach einem Aufstieg ließ ich mir immer Zeit, die Atmung zu beruhigen. Jedes Bild war kostbar.

 

Nach der Entwicklung und der Sichtung der Negative ließ ich nur einen Teil der Aufnahmen auf Papier ziehen. Vielleicht zehn Bilder. Zwei davon hatten etwas von dem, was ich gesucht hatte. Vielleicht war es nur für mich sichtbar. Aber es reichte.

 

Ich hatte erlebt, dass sich eine Landschaft öffnen kann. Nicht immer. Nicht auf Abruf. Aber dann, wenn man lange genug hinsieht und bereit ist, etwas nicht mitzunehmen.

 

Gehen

Gehen war naheliegend.

Ich hatte am Anfang keine andere Möglichkeit, die Stadt zu verlassen, als mit der Bahn. Der Thüringer Wald begann dort, wo die Schienen endeten. Es brauchte keine Planung, keinen Anlass. Man stieg aus und ging los.

 

Ich ging auch mit Freunden. Das war leicht, laut, voller Bewegung. Wir redeten viel, lachten, verloren die Zeit. Es fühlte sich gut an. Aber es ließ keinen Raum für Fotografie. Alles, was Aufmerksamkeit verlangte, war schon vergeben.

 

Anders war es, wenn ich allein ging.

Dann wurde das Gehen gleichmäßig. Meine Beine gaben den Takt vor, mein Blick ordnete sich daran. Ich schwieg. Heute würde man vielleicht von Flow sprechen. Für mich war es einfach Ruhe. Eine Ordnung, die sich einstellte, ohne dass ich etwas dafür tun musste. Die Natur hielt mich am Boden, wenn mein Kopf zu weit vorauslief. Gehen schärfte die Sinne, bis das Innere und Äußere sich berühren.


Ein Weg am Waldrand verschwindet im nebligen Horizont

Ich las viel in dieser Zeit. Und ich las nicht analytisch, sondern suchend. Bücher nahmen mich persönlich mit, manchmal zu weit. Das Gehen brachte mich zurück. Es machte still. Die Konzentration beim Sehen und die Anstrengung beim Gehen und Klettern brachte eine erstaunliche, wohltuende Erschöpfung. Das erdete.

 

Ich fotografierte auf diesen Allein-Wanderungen.

Und doch blieben die Bilder hinter dem Erlebten zurück. Es waren schöne Wälder, Seen, Panoramen. Aber sie trugen keine Seele. Wo war das Gefühl von Freiheit? Das Summen der Wiesen? Das Rauschen der Wälder? Die Stille des Dunstes? Aus magischem Nebelschleier wurde unscharfes Grau. Aus mystischen, alten Fichten eine Wand aus ausgerichteten Stämmen.

 

Ich wusste, dass es möglich war.

Ich kannte Zeichnungen von berühmten Wanderern. Ich sah gemalte Landschaften, die mehr sagten als das, was sie zeigten. Aber mit der Kamera gelang mir das nicht. Etwas fehlte, und ich konnte es nicht benennen.

 

Das Gehen funktionierte. Das Sehen funktionierte. Aber sie fanden noch nicht zueinander.

 

Erzählen

Erzählen hatte für mich lange nichts mit Öffentlichkeit zu tun.

Es entstand aus Nähe. Aus gemeinsamen Momenten. Und aus dem Wunsch, etwas so festzuhalten, dass es für eine andere Person Bedeutung bekam.

Ein herbstlich gefärbtes Blatt auf einer Bank im Wald

Ich schrieb Geschichten als Geschenke. Nicht beiläufig, nicht schnell. Es waren Einzelstücke. Für jeweils eine Person. Für einen Anlass. Für einen gemeinsamen Erinnerungsraum. Ich wollte, dass diese Texte nicht wie Texte wirkten, sondern wie Bücher. Kleinformatig, gebunden, mit Umschlag. Beim Auspacken sollte man für einen Moment glauben, sie seien gekauft. Erst beim Aufschlagen wurde klar, dass sie nur für eine Person existierten.

 

Die Geschichten selbst waren keine Dokumentationen.

Sie nahmen ein gemeinsames Erlebnis und überhöhten es. Ein Konzert wurde zu einer Fiktion, in der man plötzlich auf der Bühne stand und alles sprengte. Eine Wanderung verwandelte sich in ein Abenteuer durch einen zufällig entdeckten Bunker im Wald. Eine Fahrt auf dem Moped im Sommer wurde zu einem Roadmovie. Es ging nicht darum, was wirklich passiert war, sondern darum, was dieses Erlebte getragen hatte.

 

Ich erzählte nicht, um etwas zu erklären. Und nicht, um etwas festzuhalten. Ich erzählte, um etwas zu würdigen.

 

Diese Texte hatten keine Reichweite. Sie waren nicht für Leser gedacht. Sie wurden nicht weitergegeben. Aber sie hatten Wirkung. Und diese Wirkung war konkret. Sie entstand im Gegenüber, nicht im Echo.

 

Vielleicht habe ich deshalb lange keinen Ort für Erzählen gesucht.

Es war da. Es funktionierte. Und es brauchte keinen größeren Raum, solange es einen Adressaten hatte. Die digitale Gegenwart hat diesen Raum technisch ins Unermessliche gedehnt, doch sie hat ihm keine größere Nähe gegeben. Im Gegenteil: Das ständige Verfügbare, das immer sofort da ist, droht das leise Werden zu übertönen.

Das Gehen aber, das langsame, das rhythmische, schärft die Sinne auf eine Weise, die kein Bild allein einfangen kann - bis das Innere und das Äußere sich berühren, sich ineinander finden, ohne dass man es erzwingen muss. Erst aus dieser Berührung entsteht das Erzählen, das nicht erklärt, sondern würdigt; das nicht ausstellt, sondern bei sich bleibt. Es braucht keine Reichweite, um tief zu wirken. Es reicht, wenn es ein Gegenüber findet, das mitschwingt.

Rückblickend sehe ich drei Dinge, die lange unabhängig voneinander existierten.

Ein Sehen, das früh gelernt hatte, sich zu begrenzen. Ein Gehen, das Zeit, Ruhe und Ordnung ermöglichte. Und ein Erzählen, das immer Beziehung suchte, aber keinen öffentlichen Raum brauchte.

Diese Bereiche berührten sich lange nicht. Nicht, weil etwas fehlte, sondern weil die Bedingungen dafür nicht gegeben waren. Wahrnehmung braucht Zeit. Erzählen braucht ein Gegenüber. Und nicht jede Erfahrung verlangt sofort nach Form.

 

Erst viel später entstand ein Zusammenhang, in dem diese Dinge nebeneinander bestehen konnten, ohne sich gegenseitig zu erklären oder zu rechtfertigen. Ein Zusammenhang, der nicht auf Wirkung ausgerichtet ist, sondern auf Stimmigkeit.

 

Mehr lässt sich darüber kaum sagen. Und vielleicht reicht das.

Eine einsame Straße im Winter führt leer zum Horizont

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