
Über mich – Lars-Henrik Roth
Photohiking
Ich verlasse das Haus früh. Oft vor fünf Uhr, wenn die Landschaft noch nicht im Tageslicht liegt.
Das Ziel ist eine Gegend, die ich kenne oder kennenlernen will. Ich gehe. Nicht um anzukommen, sondern um wahrzunehmen. Der Rhythmus des Gehens verändert, wie ich schaue: ruhiger, weniger auf ein Ergebnis aus.
An einem Punkt auf der Tour entscheide ich mich für ein Bild. Nicht weil das Motiv vollständig ist, sondern weil dieser Moment etwas trägt, das sich nicht wiederholt. Licht, Stille, eine Bewegung. Etwas, das sich zeigt, wenn man lang genug geht und offen genug schaut.
Später schreibe ich. Der Text kreist nicht um die Tour – er denkt sie weiter. Er ist keine Erläuterung zum Bild, sondern eine eigene Stimme für denselben Moment.
Bild und Text zusammen sind das Werk.
Was dabei entsteht, nenne ich Photohiking.
Gehen - Sehen - Erzählen
Gehen
Das Gehen ist nicht Vorbereitung. Es ist der erste Teil der Arbeit.
Ein gleichmäßiger Schritt verändert die Wahrnehmung: Der Blick wird ruhiger, die Aufmerksamkeit weiter. Vieles zeigt sich erst, wenn man geht. Der Weg ist kein Mittel zum Zweck – er ist Teil des Werks.
Sehen
Sehen bedeutet hier nicht: ein Motiv finden und abbilden.
Es bedeutet: offen bleiben für das, was sich zeigt. Kein Erwartungsdruck, keine vorbereitete Bildidee. Die Kamera folgt der Wahrnehmung – nicht umgekehrt. Was entsteht, ist eine Aufnahme, die festhält, was sich in diesem Moment gezeigt hat.
Erzählen
Nach der Tour kommt der Text. Nicht als Beschreibung, nicht als Erklärung – sondern als eigene Auseinandersetzung mit dem, was unterwegs entstanden ist.
Bild und Text stehen gleichwertig nebeneinander. Sie zeigen denselben Moment aus zwei Richtungen. Zusammen tragen sie, was keines von beiden allein vollständig sagen kann.
Die Arbeiten entstehen in Serien. Sieben Bilder, ein Essay – ein in sich geschlossenes Werk. Die Serie ist die natürliche Form dieser Methode: Sie gibt dem Einzelbild einen Zusammenhang und dem Moment eine Dauer.
Lars-Henrik Roth: Wer dahintersteckt
Ich fotografiere, seit ich fünfzehn bin. Nicht als Hobby, das irgendwann begann – sondern weil Bilder früh eine Sprache waren, die ich verstehen wollte.
Das Sehen kam früh. Das Gehen kam dazu. Das Erzählen war immer da – aber lange ohne öffentlichen Ort. Die drei Dinge existierten jahrzehntelang unabhängig voneinander. Berufliche Verantwortung, Führungsaufgaben, das normale Gewicht eines langen Arbeitslebens – das alles hat den künstlerischen Faden nicht durchschnitten, aber lange zurückgestellt.
Die Rückkehr zur fotografischen Arbeit war keine Entscheidung für ein neues Kapitel. Sie war eine Fortsetzung – mit mehr Klarheit darüber, was wesentlich ist.
Wanderspezi – the Photohiker ist der Ort, an dem diese drei Linien zusammenkommen. Die Landschaften, in denen ich arbeite, sind die des westlichen Deutschlands: Eifel, Mosel, Rhein, Bergisches Land. Was weit weg liegt, interessiert mich weniger als das, was sich beim Hinschauen öffnet.
Wer mehr über die Herkunft dieser Methode erfahren möchte:
Vom Sehen, Gehen und Erzählen .
Wie ich arbeite
Eine Tour ist kein Ausflug. Sie ist ein konzentrierter Arbeitsprozess: Ich gehe mit einer Absicht los – aber ohne festgelegtes Ergebnis. Was entsteht, entscheidet die Landschaft mit.
Ich arbeite seriell. Eine Serie umfasst sieben Bilder, die auf einer einzigen Tour entstehen. Der Weg bleibt dabei eine erzählerische Einheit. Nicht jede Tour trägt eine Serie. Der Rhythmus ist langsam, die Auswahl streng.
Meist trage ich zwei Kameras. Nicht aus Überzeugung für ein System, sondern weil flüchtige Lichtsituationen keine Zeit für Umbauten lassen. Die Ausrüstung folgt dem Licht und dem Weg – nicht umgekehrt.
Haltung, Verantwortung und wo das Werk lebt
Fotografie in der Natur trägt Verantwortung. Ich bin Mitglied der Gesellschaft für Naturfotografie (GDT) und der internationalen Initiative Nature First – The Alliance for Responsible Nature Photography. Beide stehen für einen Umgang mit Landschaft, der nicht verbraucht, was er zeigt. Das ist keine Zusatzhaltung zur fotografischen Arbeit. Es ist ihre Voraussetzung.
Die Serien erscheinen auf Flickr, ausgewählte Bilder sind als Fine-Art-Prints auf Picfair erhältlich. Essays, Touren und fotografische Gedanken erscheinen auf diesem Blog.
Essay für Nature First: "Wie nah muss man gehen, um wirklich zu sehen?"
„Und manchmal bleibt ein Bild zurück, das diesen Moment trägt.“


