Warten auf Vineta im Nebel – Photohike Dernau

Aktualisiert: 27. Sept.
Ein Wintermorgen über dem Ahrtal. Nebel liegt schwer im Tal, Hoffnung leicht darüber. Ein Photohike über Geduld, Zweifel – und den Moment, in dem etwas sichtbar wird, das man nicht erzwingen kann. | von Lars-Henrik Roth
Es war die Zeit der Raunächte, jene Tage zwischen den Jahren, in denen das Alte bereits vergangen und das Neue noch unentschieden ist. Man fühlt sich wie in einem Transitraum der Zeit. Fotografisch ist diese Phase oft wenig ergiebig: Die Landschaft wartet vergeblich auf Schnee, die Tage ziehen trüb unter einer bleiernen Hochnebeldecke dahin – ein stetiger Mantel aus Grau zwischen spätem Sonnenaufgang und frühem Sonnenuntergang.
Meine Erwartung war entsprechend gering, als ich beinahe rituell die Wetterdaten prüfte. Eigentlich sprach nichts dafür, nach draußen zu gehen.. Doch dann blieb mein Blick an den Wolkenprognosen für das Ahrtal hängen: Eine sich aufbauende, perfekte Inversionswetterlage zeichnete sich ab. Mein Puls beschleunigte sich. Solche Konstellationen sind im Mittelgebirge selten genug, um sie nicht zu ignorieren. Das Tal gefüllt mit dichtem Nebel, darüber klarer Himmel und brennender Sonnenschein.
Was wäre, wenn ich am Schwedenkopf stünde und die Saffenburg sich wie das sagenumwobene Vineta aus dem Nebelmeer erheben würde?

Der Weg
Der Entschluss fiel augenblicklich. Ausrüstung packen, Tour vorbereiten. Der Plan: Start in Dernau, ein erstes Licht am Aussichtspunkt „Pätt Nöck“ und dann weiter zum Schwedenkopf, um auf die Auflösung des Nebels zu warten. Am frühen Morgen bestätigten die Webcams die Vorhersage: Im Tal herrschte dichte „Suppe“, auf dem Krausberg hingegen herrschte bereits makellose Fernsicht.
Bei meiner Ankunft war es noch stockfinster. Keine Blaue Stunde, nur grauer, klammer Nebel. Der erste Aufstieg brachte Ernüchterung: Kein noch so zartes Morgenrot im Osten. Stattdessen nur poetischer, aber dichter Nebel im Wald. Es war kalt. Ich zog mein Tempo an – weiter zum Schwedenkopf.
Dort bot sich mir das versprochene Schauspiel: Dicke Nebelmassen füllten das Tal, während darüber langsam die Sonne emporstieg. Also begann ich zu warten. Ich wartete darauf, dass die Saffenburg auftauchen würde. Wie ein gewaltiges Meer wogte der Nebel tief unter mir, brandete gegen die steilen Hänge und floss in Zeitlupe zurück. Hier musste es sein, das Wolken-Vineta. Nur: Es zeigte sich nicht.
Alter Baum und historische Kanone am Aussichtspunkt über einem Nebelmeer im warmen Morgenlicht. Nebel wälzt sich wie eine Brandung entlang des dunklen Waldrands im weichen Morgenlicht. Lichtdurchzogener Nebel fließt in sanften Wellen über die Baumkronen. Nebel brandet wie eine weiße Welle gegen den dunklen Waldrand. Nebel fließt über die herbstlichen Hügel und legt sich wie ein weißes Meer ins Tal.
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Je höher die Sonne stieg, desto undurchdringlicher schien der Nebel zu werden. Ich nutzte das Teleobjektiv für verdichtende Aufnahmen der Waldkanten und das Weitwinkel für die epischen Panoramen des Wolkenmeers. Aber die Burg blieb verborgen.

Der Abstieg
Nach eineinhalb Stunden auf dem zugigen Plateau schien die Entscheidung gefallen: Die Saffenburg würde heute nicht erscheinen. Vineta blieb auf dem Grund des Meeres. Enttäuscht beschloss ich abzusteigen. Ich wollte mein Glück stattdessen in mystischen Motiven am Wegesrand suchen – verschwindende Rebstöcke, vielleicht ein einsamer Baum. Meine Hoffnung war gering; es fühlte sich nun eher nach einer Winterwanderung, als nach einem erfolgreichen Photohike an.
Ich kämpfte mich zurück in den Nebel des Tals. Ich war vollkommen allein. Von Mayschoß drangen die gedämpften Geräusche des erwachenden Dorfes herauf, doch zu sehen war nichts. Um Begegnungen zu vermeiden, hatte ich Wege abseits der bekannten Routen gewählt – eine Sorge, die in dieser Einsamkeit unbegründet war.
Mein Schritt wurde schneller, ich war bereit für eine Abkürzung, bereit für den Rückzug zum Auto.
Samenstände der Waldrebe im diffusen Winterlicht vor grauem Nebel. Ein einzelner Baum am Wegesrand im dichten Winternebel. Ein einsamer Turm ragt aus dem Nebelmeer unter einem wolkenverhangenen Himmel. Nebelmeer zwischen Hügeln im Morgenlicht.
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Der Wendepunkt
Doch plötzlich veränderte sich die Beschaffenheit des Nebels. Die flüssigen Wolken wurden dünner, zerrissen stellenweise und gaben winzige Fetzen blauen Himmels frei. Ein stechender Gedanke schoss mir durch den Kopf: Zu früh abgestiegen!
Genau in diesem Moment des Zauderns tauchte ein Schild aus dem Dunst auf: „Klettersteig Forstberg“. Ein stählernes Sicherungsseil verschwand steil nach oben im Weiß. „Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist“, sagte ich mir, schnallte die Tasche fest und verstaute die Kameras sicher. Ich griff in das eiskalte Metall und begann den erneuten Aufstieg.
Der Weg über den losen Schiefer war beschwerlich, erst recht mit der schweren Ausrüstung. Immer wieder lehnte ich mich an die rauen Stämme der Eichen, um zu verschnaufen. Wo der Wald eine Lücke bot, suchte mein Blick das Tal. Nichts. Nur Nebel. Ich zwang mich weiter nach oben, bis ich außer Atem innehielt und mich umdrehte.
Da lag sie: die Saffenburg. Mein Vineta.

Zunächst waren es nur zarte, fast geisterhafte Konturen. Dann senkte sich der Nebel langsam weiter. Mit klopfendem Herzen packte ich die Kamera aus. Ich hatte etwa zehn Minuten, bevor das Nebelmeer die Burg wieder verschlang und die Vision beendete.
Die Saffenburg ragt wie eine Insel aus dem weißen Nebelmeer im Ahrtal, umgeben von winterlichen Hüge Die Ruinen der Saffenburg erscheinen wie eine Insel im dichten Nebelmeer des Ahrtals, eingerahmt von Die Saffenburg liegt eingebettet in einem weiten Nebelmeer im Ahrtal, während sich bewaldete Höhenzü
Das Detail im Ganzen – Stein, der bleibt, während der Nebel geht.
Erkenntnis
Mit einem Lächeln ging ich die letzten Meter bis zum Gipfel des Forstbergs weiter. In einer kleinen Schutzhütte setzte ich mich und betrachtete die Bilder auf dem Display. Sie waren noch unfertig, digitale Rohdiamanten, aber ich wusste: Ich hatte mein Ziel erreicht.
Auf dem Rückweg zum Auto, nun auf dem breiten Rotweinwanderweg, begegneten mir die ersten Menschen. Zwei ältere Damen betrachteten meine Kameras und sprachen mich an. Sie fragten, was für eine Kamera man wohl brauche, um all das dort draußen in schöne Bilder zu verwandeln.
Ich lächelte sie an und sagte:
„Es kann jede Kamera sein. Man muss nur lernen zu sehen. Und Geduld haben.“

Das Detail im Ganzen – die Beständigkeit des Steins im Fluss der Zeit.
Essenz: Die 7-Bilder-Serie
Sieben Bilder aus einem Morgen: Verheißung - Warten - Hoffnung - Wogen - Zweifel - Erscheinung - Vineta
Alle 7er-Serien findest Du hier.
Der Weg
Die Route: Aufzeichnung, Höhenprofil und praktische Hinweise findest du bei Komoot. Hier kannst du mit einem Klick auf die Karte die Route auf Komoot öffnen.
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Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.
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© Lars-Henrik Roth / Wanderspezi – the Photohiker. Texte und Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Urheberrecht. Eine Nutzung ohne vorherige Zustimmung ist nicht gestattet.



