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Photohike Dernau – Warten auf Vineta im Nebel

  • Autorenbild: Lars-Henrik Roth
    Lars-Henrik Roth
  • vor 22 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Ein Wintermorgen über dem Ahrtal. Nebel liegt schwer im Tal, Hoffnung leicht darüber. Ein Photohike über Geduld, Zweifel – und den Moment, in dem etwas sichtbar wird, das man nicht erzwingen kann. | von Lars-Henrik Roth


Es war die Zeit der Raunächte, jene Tage zwischen den Jahren, in denen das Alte bereits vergangen und das Neue noch unentschieden ist. Man fühlt sich wie in einem Transitraum der Zeit. Fotografisch ist diese Phase oft wenig ergiebig: Die Landschaft wartet vergeblich auf Schnee, die Tage ziehen trüb unter einer bleiernen Hochnebeldecke dahin – ein stetiger Mantel aus Grau zwischen spätem Sonnenaufgang und frühem Sonnenuntergang.

Meine Erwartung war entsprechend gering, als ich beinahe rituell die Wetterdaten prüfte. Eigentlich sprach nichts dafür, nach draußen zu gehen.. Doch dann blieb mein Blick an den Wolkenprognosen für das Ahrtal hängen: Eine sich aufbauende, perfekte Inversionswetterlage zeichnete sich ab. Mein Puls beschleunigte sich. Solche Konstellationen sind im Mittelgebirge selten genug, um sie nicht zu ignorieren. Das Tal gefüllt mit dichtem Nebel, darüber klarer Himmel und brennender Sonnenschein.


Was wäre, wenn ich am Schwedenkopf stünde und die Saffenburg sich wie das sagenumwobene Vineta aus dem Nebelmeer erheben würde?

Schmaler Waldweg führt durch einen nebligen Hangwald im Winter.
Aufstieg in die Stille - wenn der Wald im Nebel seine Konturen verliert.

Der Weg


Der Entschluss fiel augenblicklich. Ausrüstung packen, Tour vorbereiten. Der Plan: Start in Dernau, ein erstes Licht am Aussichtspunkt „Pätt Nöck“ und dann weiter zum Schwedenkopf, um auf die Auflösung des Nebels zu warten. Am frühen Morgen bestätigten die Webcams die Vorhersage: Im Tal herrschte dichte „Suppe“, auf dem Krausberg hingegen herrschte bereits makellose Fernsicht.

Bei meiner Ankunft war es noch stockfinster. Keine Blaue Stunde, nur grauer, klammer Nebel. Der erste Aufstieg brachte Ernüchterung: Kein noch so zartes Morgenrot im Osten. Stattdessen nur poetischer, aber dichter Nebel im Wald. Es war kalt. Ich zog mein Tempo an – weiter zum Schwedenkopf.

Dort bot sich mir das versprochene Schauspiel: Dicke Nebelmassen füllten das Tal, während darüber langsam die Sonne emporstieg. Also begann ich zu warten. Ich wartete darauf, dass die Saffenburg auftauchen würde. Wie ein gewaltiges Meer wogte der Nebel tief unter mir, brandete gegen die steilen Hänge und floss in Zeitlupe zurück. Hier musste es sein, das Wolken-Vineta. Nur: Es zeigte sich nicht.


Warten auf dem Plateau - das weiße Meer brandet gegen die Linie aus Sichtbarem und Verschwinden.


Je höher die Sonne stieg, desto undurchdringlicher schien der Nebel zu werden. Ich nutzte das Teleobjektiv für verdichtende Aufnahmen der Waldkanten und das Weitwinkel für die epischen Panoramen des Wolkenmeers. Aber die Burg blieb verborgen.



Holzbank am Hang mit Blick über ein Nebelmeer; die aufgehende Sonne scheint durch einen Baumstamm und beleuchtet die winterliche Landschaft.
Licht und Verzicht - wenn die Sonne den Tag ankündigt, das Ziel aber im Verborgenen liegt.

Der Abstieg


Nach eineinhalb Stunden auf dem zugigen Plateau schien die Entscheidung gefallen: Die Saffenburg würde heute nicht erscheinen. Vineta blieb auf dem Grund des Meeres. Enttäuscht beschloss ich abzusteigen. Ich wollte mein Glück stattdessen in mystischen Motiven am Wegesrand suchen – verschwindende Rebstöcke, vielleicht ein einsamer Baum. Meine Hoffnung war gering; es fühlte sich nun eher nach einer Winterwanderung, als nach einem erfolgreichen Photohike an.

Ich kämpfte mich zurück in den Nebel des Tals. Ich war vollkommen allein. Von Mayschoß drangen die gedämpften Geräusche des erwachenden Dorfes herauf, doch zu sehen war nichts. Um Begegnungen zu vermeiden, hatte ich Wege abseits der bekannten Routen gewählt – eine Sorge, die in dieser Einsamkeit unbegründet war.


Mein Schritt wurde schneller, ich war bereit für eine Abkürzung, bereit für den Rückzug zum Auto.


Der Wendepunkt


Doch plötzlich veränderte sich die Beschaffenheit des Nebels. Die flüssigen Wolken wurden dünner, zerrissen stellenweise und gaben winzige Fetzen blauen Himmels frei. Ein stechender Gedanke schoss mir durch den Kopf: Zu früh abgestiegen!

Genau in diesem Moment des Zauderns tauchte ein Schild aus dem Dunst auf: „Klettersteig Forstberg“. Ein stählernes Sicherungsseil verschwand steil nach oben im Weiß. „Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist“, sagte ich mir, schnallte die Tasche fest und verstaute die Kameras sicher. Ich griff in das eiskalte Metall und begann den erneuten Aufstieg.

Der Weg über den losen Schiefer war beschwerlich, erst recht mit der schweren Ausrüstung. Immer wieder lehnte ich mich an die rauen Stämme der Eichen, um zu verschnaufen. Wo der Wald eine Lücke bot, suchte mein Blick das Tal. Nichts. Nur Nebel. Ich zwang mich weiter nach oben, bis ich außer Atem innehielt und mich umdrehte.


Da lag sie: die Saffenburg. Mein Vineta.

Die Saffenburg erscheint wie eine stille Insel im Nebelmeer des Ahrtals, umgeben von winterlichen Höhenzügen.
Die Erscheinung - wie eine Insel aus einer anderen Welt schält sich die Saffenburg aus dem Nichts.

Zunächst waren es nur zarte, fast geisterhafte Konturen. Dann senkte sich der Nebel langsam weiter. Mit klopfendem Herzen packte ich die Kamera aus. Ich hatte etwa zehn Minuten, bevor das Nebelmeer die Burg wieder verschlang und die Vision beendete.


Das Detail im Ganzen – Stein, der bleibt, während der Nebel geht.


Erkenntnis


Mit einem Lächeln ging ich die letzten Meter bis zum Gipfel des Forstbergs weiter. In einer kleinen Schutzhütte setzte ich mich und betrachtete die Bilder auf dem Display. Sie waren noch unfertig, digitale Rohdiamanten, aber ich wusste: Ich hatte mein Ziel erreicht.

Auf dem Rückweg zum Auto, nun auf dem breiten Rotweinwanderweg, begegneten mir die ersten Menschen. Zwei ältere Damen betrachteten meine Kameras und sprachen mich an. Sie fragten, was für eine Kamera man wohl brauche, um all das dort draußen in schöne Bilder zu verwandeln.

Ich lächelte sie an und sagte:

„Es kann jede Kamera sein. Man muss nur lernen zu sehen. Und Geduld haben.“


Die Saffenburg tritt für einen Moment aus dem Nebel heraus.

Das Detail im Ganzen – die Beständigkeit des Steins im Fluss der Zeit.


🌟 Höhepunkte

  • Schwedenkopf über Dernau - weiter Blick über das Ahrtal, besonders spannend bei Hochnebel im Tal und klarer Luft darüber

  • Forstberg-Klettersteig - kurzer, aber fordernder Abschnitt mit überraschenden Perspektiven auf die Saffenburg

  • Saffenburg im Nebel - seltene Erscheinung, wenn sich der Hochnebel hebt und die Burg kurzzeitig freigibt

  • Rotweinwanderweg - ruhiger Rückweg mit weiten Ausblicken und Zeit zum Nachwirken

  • Stille Winterstimmung - wenig Betrieb, gedämpfte Farben, konzentrierte Wahrnehmung

 

📷 Fototipps unterwegs

  • Geduld vor Aktion: Bei Hochnebel nicht sofort den Standort wechseln - oft entscheidet sich alles in wenigen Minuten

  • Tele bereit halten: Die entscheidenden Momente entstehen häufig auf Distanz, wenn sich der Nebel staffelt

  • Wechsel zwischen Weitwinkel und Verdichtung: Panoramen für die Stimmung, Tele für die eigentliche Geschichte.

    Ich habe hier bewusst mit zwei Kameras fotografiert - Weitwinkel für den Raum, Tele für die Verdichtung und die entscheidenden Details (Canon R6 Mark II mit Weitwinkel, Canon R7 mit Teleobjektiv).

  • Belichtung im Blick behalten: Nebel verführt zu Überbelichtung – lieber etwas zurückhaltend arbeiten

  • Serien denken: Nicht nur das „eine Bild“ suchen, sondern Varianten und Zustände sammeln

  • Kälte einplanen: Finger werden schnell unbeweglich – Bedienung vorher verinnerlichen

 

Die Auswahl der Ausrüstung folgt bei meinen Photohikes immer der Bildidee – nicht umgekehrt.

💡 Besonderer Tipp

Bei Hochnebel-Tagen im Mittelgebirge lohnt es sich, zwei mögliche Entscheidungen innerlich vorzubereiten: bleiben oder gehen. Wer diese Entscheidung erst trifft, wenn sich etwas ändert, ist meist zu spät. Wer sie vorher akzeptiert, kann im entscheidenden Moment ruhig reagieren – und ist bereit, wenn sich das Bild zeigt.

 

  

📊 Bewertung – Photohike Dernau (Skala 1–10)

Kriterium

Bewertung

Kommentar

Fotowert

9/10

Außergewöhnlich hoch bei passenden Bedingungen. Die Erscheinung der Saffenburg im Nebel ist selten und fotografisch stark, verlangt aber Geduld, Timing und Bereitschaft zum Warten.

Motivdichte

6/10

Kein „Dauerfeuer“ an Motiven. Die Tour lebt von wenigen, dafür sehr starken Momenten. Wer Vielfalt sucht, wird hier weniger fündig.

Erlebniswert

9/10

Hoher innerer Erlebniswert durch Stille, Entscheidungsmomente und körperliche Präsenz. Der kurze Klettersteig verstärkt das Gefühl, wirklich unterwegs zu sein.

Zugänglichkeit / Sicherheit

7/10

Die Wege sind grundsätzlich gut begehbar, der Forstberg-Klettersteig erfordert jedoch Trittsicherheit, Konzentration und bei Nässe besondere Vorsicht.

Gesamteindruck

9/10

Ein Photohike für ruhige Tage und wache Sinne. Keine Spot-Tour, sondern eine Einladung zur Auseinandersetzung mit Zeit, Geduld und Wahrnehmung.

🧭 Fazit


Der Photohike bei Dernau ist kein Versprechen auf schnelle Bilder, sondern auf einen ehrlichen Prozess. Wer bereit ist zu warten, zu zweifeln und Entscheidungen unterwegs zu treffen, kann hier mit einem Bild zurückkehren, das nicht planbar ist – und genau deshalb lange nachwirkt. Für mich gehört diese Tour zu den Momenten, in denen sich Wandern und Fotografie wirklich verbinden. Manche Wege enden im Nebel. Andere führen weiter.



Mehr Touren & Gedanken auf www.photohikers.de. Mehr Serien auf Flickr

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