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Photowalk Peringsmaar - eine Übung in Beschränkung

  • Autorenbild: Lars-Henrik Roth
    Lars-Henrik Roth
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Beschränkung gilt als Mangel. Dabei ist sie oft eine Entscheidung. Und manchmal der einzige Weg, Haltung zu zeigen - in der Fotografie wie im Leben. \ von Lars-Henrik Roth


Ein Winter ohne Einladung

Kein Reif, kein Schnee, kein Nebel, der Landschaft formt. Nur dieses rheinische Grau, das alles gleich erscheinen lässt und jede Erwartung dämpft. Tage, an denen man leicht begründen kann, warum man nicht losgeht.


Ich blieb zunächst drinnen. Um zu lesen.


Auf einem Flohmarkt im Sommer hatte ich Caroline Alexanders „Die Endurance“ gekauft - ein zerlesenes Taschenbuch, das lange unbeachtet im Regal stand. Jetzt passte es. Während draußen nichts geschah, las ich von Ernest Shackleton und einer Expedition, die nie ihr Ziel erreichte. Keine Heldengeschichte. Sondern eine über Entscheidungen, die getroffen werden müssen, wenn Wünsche und Realität nicht mehr zusammenpassen.

Dunstiger Morgen am Peringsmaar bei Bedburg
Ankommen heißt nicht verstehen – sondern erst einmal bleiben.

Ein Maßstab

Frank Hurley, der Fotograf der Expedition, hatte Hunderte Glasplatten mit Bildern einer unbekannten Welt belichtet. Als das Packeis die „Endurance“ zerdrückte und Shackleton den Abbruch der Expedition befahl, wurde jedes Kilogramm zur Frage von Leben und Tod. Hurley durfte nur einen Bruchteil seiner Arbeit behalten. Die übrigen Glasplatten wurden auf dem Eis zerschlagen - damit niemand in Versuchung geriet, zu viel mitzunehmen.


Eine brutale Form der Beschränkung. Nicht freiwillig. Nicht ästhetisch. Sondern notwendig.

Ich legte das Buch beiseite und merkte, wie unangenehm sich der Vergleich anfühlte. Meine eigenen Klagen über schlechtes Wetter, fehlendes Licht oder mangelnde Ideen wirkten plötzlich klein. Komfortabel. Ohne Konsequenz.


Was mich an Hurleys Geschichte besonders beeindruckte, war nicht das Leid. Es war die Klarheit der Entscheidung: Nicht alles ist zu retten. Und nicht alles muss gerettet werden.


Vom Lesen zum Gehen

Einen Tag später fuhr ich zum Peringsmaar. Kein besonderer Ort. Ein kleiner See in einer rekultivierten Landschaft. Kein ikonisches Motiv, kein Versprechen auf Bilder. Dazu der graue Winter, der jede Hoffnung auf „gutes Licht“ dämpfte. Ich hätte warten können. Auf besseres Wetter. Auf den nächsten Nebel. Auf einen anderen Ort.

Ich tat es nicht.


Stattdessen entschied ich mich für Beschränkung - freiwillig. Nicht aus Not, sondern aus Haltung. Ich nahm nur eine Kamera mit. Und nur ein Objektiv: das RF 70-200 mm f/4 L an der R7. Kein Weitwinkel. Kein Ausweichen. Ein enger Blick, verstärkt durch den Crop-Faktor des APS-C-Sensors.

Aber die Beschränkung ging weiter. Kein spektakulärer Ort. Kein besonderes Licht. Und vor allem: keine Erwartung an Ergebnisse.


Was übrig bleibt

Mit dem Tele begann sich meine Wahrnehmung zu verändern. Nicht abrupt, sondern schleichend. Wo ein Weitwinkel Fläche gezeigt hätte, zwang mich die lange Brennweite zur Auswahl. Ich konnte nicht alles abbilden. Ich musste entscheiden, was bleibt - und was nicht.

  • Dunst wurde Tiefe. Reflexe auf dem Wasser bekamen Gewicht.

  • Ein vereister Stängel einer Wildmöhre erzählte mehr über diesen Januarmorgen als jedes Panorama.

  • Die Windräder am Horizont wurden zu klaren, grafischen Formen im Gegenlicht - nicht als Statement, sondern als Tatsache.


Als ich später die Bilder sichtete, blieben elf übrig. Nicht, weil mehr nicht möglich gewesen wäre. Sondern weil mehr nicht nötig war.


Hier schloss sich der Kreis zu Hurley.

Nicht der Zwang verband uns, sondern die Erkenntnis: Beschränkung endet nicht beim Fotografieren. Sie beginnt dort - aber sie wird erst in der Auswahl wirksam. Was bleibt, ist nicht das, was man machen kann. Sondern das, was man bewusst stehen lässt.

„Ich bin froh darüber, denn es ist besser, hundert perfekte Aufnahmen zu haben als tausend unvollkommene.“ - Frank Hurley

 

Die Samenkapsel eine wilden Möhre mit Raureif
Wildmöhre im Januar. Am Ende des Gehens.



📷 Fotografische Tipps

Arbeiten mit dem Teleobjektiv in der Landschaftsfotografie

  1. Abstand ist kein Nachteil, sondern ein Werkzeug Das Tele zwingt zur Distanz. Statt Fläche abzubilden, trennt es Ebenen. Dunst, Licht und Strukturen ordnen sich neu, sobald man nicht mehr alles gleichzeitig sehen kann. Nutze den Abstand bewusst, um Ruhe ins Bild zu bringen.

  2. Verdichten statt sammeln Mit langen Brennweiten verschwindet der Drang, „noch etwas dazuzunehmen“. Das Bild entsteht durch Weglassen. Prüfe vor jeder Aufnahme: Was trägt wirklich? Alles andere darf draußen bleiben.

  3. Geduld vor Bewegung Telefotografie in der Landschaft ist weniger Gehen, mehr Verweilen. Kleine Veränderungen im Licht, im Hintergrund oder in der Staffelung entscheiden oft mehr als der Standortwechsel. Bleib stehen. Schau länger.

  4. Licht lesen, nicht suchen Mit dem Tele wird Licht schnell zur Struktur: Kanten, Reflexe, Übergänge. Statt auf spektakuläre Lichtstimmungen zu warten, lohnt es sich, vorhandenes Licht präzise zu beobachten – besonders bei diffusem Wetter.

  5. Stabilität ernst nehmen Lange Brennweiten verzeihen wenig. Eine ruhige Haltung, bewusste Atmung und gegebenenfalls höhere ISO sind oft sinnvoller als verwackelte Perfektion. Schärfe entsteht zuerst im Körper, dann in der Technik.

  6. Serien im Kopf denken Einzelbilder funktionieren – aber Telebilder entfalten ihre Stärke oft im Zusammenhang. Achte darauf, wie Motive zueinander stehen könnten: Fläche, Detail, Struktur, Ruhepunkt. Das erleichtert später die Auswahl.

 

💡 Besonderer Tipp

Die graue Jahreszeit ist kein Mangel an Motiven, sondern kann ein Filter sein.

Diffuse Bedingungen nehmen Kontraste zurück, Farben werden leiser, Formen wichtiger. Genau hier spielt das Tele seine Stärke aus: Es isoliert, ordnet und beruhigt. Statt auf „gutes Wetter“ zu warten, lohnt es sich, das Grau als gestalterische Vorgabe zu akzeptieren.

Ein hilfreicher Perspektivwechsel: Nicht fragen „Was fehlt dem Bild?“, sondern „Was bleibt sichtbar, wenn nichts hilft?“

Oft sind es genau diese Bilder, die länger tragen – weil sie nicht vom Moment leben, sondern von Klarheit.


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