Eine Kapelle ohne Tür - Photohike Erkensruhrtal

„Es wird auch bald Herbst“, sagte ein Mann irgendwo unten im Tal zu seiner Nachbarin. Gesehen habe ich ihn nie. An diesem Morgen im Erkensruhrtal sah ich vieles zu spät: die Baustelle, den leeren See, den Herbst. Und manches erst, als es nicht mehr darauf ankam.
Von Lars-Henrik Roth
Sechs Grad
Nach einer Woche am Meer, ohne Kamera, hatte ich große Lust auf das Draußen. Kein Plan, keine Idee, die es zu prüfen galt. Einfach raus. Die Wetter-App kündigte Nebel an den Eifeler Seen an, und mir fiel eine Tour ein, die ich schon lange vorhatte: das Erkensruhrtal. Ein Tal mit eigenem Mikroklima, ein Wanderhighlight, wie es heißt. Ich war noch nie dort gewesen. Warum nicht einmal ein Photohike ohne Erwartungen?
Ganz stimmte das nicht. Ich wollte fotografieren, nach einer Woche ohne Fotografie mehr als sonst. Und irgendwo im Hinterkopf rechnete es mit: Ohne diesen Morgen würden zwischen zwei Beiträgen vier Wochen liegen statt zwei. Als ob jemand darauf wartete.
Kurz vor sieben erreichte ich den Parkplatz in Einruhr. Es war noch dunkel, der Parkplatz am Rande des Sees unbeleuchtet. Ich war der Erste und stellte das Auto ab, wie es gerade kam. Kein Nebel. Die Laternen im Ort leuchteten klar, auch die am anderen Seeufer. Ich wartete. Nach ein paar Minuten öffnete ich die Tür, kalte Luft strömte herein. Sechs Grad, sagte das Display im Auto, deutlich kälter als zu Hause beim Einsteigen. Gänsehaut. Ich machte mich schnell fertig und legte die Ausrüstung an. Die Dämmerung setzte ein, und ich sah, dass die Bergkuppen im Dunst lagen. Die große Nebelshow würde es wohl nicht werden. Ich atmete einmal tief durch. Mal sehen.
Höher
Zügig ging ich hinauf zum ersten Aussichtspunkt. Der Blick enttäuschte. Was die Dunkelheit verborgen hatte, lag jetzt offen im Tal: Die Rurbrücke Einruhr wurde ersetzt, und der Bau der Behelfsbrücke war in vollem Gang. Das Motiv war dahin. Ich versuchte ein paar Teleaufnahmen und ging weiter, höher. Stehenbleiben hatte ohnehin seinen Preis. Es war kalt, die Fingerkuppen wurden taub an der Kamera. Das hatte ich in diesem Jahr lange nicht mehr gehabt.

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Am zweiten Aussichtspunkt zeigte sich der Nebel dann doch. Zart, mehr Schleier als Decke, Fetzen zwischen den bewaldeten Rücken. Das Tal bekam Tiefe, das Wasser lag als Linie darin. Ich beschloss, die Tour zu ändern und noch höher zu steigen.
Oben war der Überblick da. Nebelbänder, dazu die erste Farbe am Himmel: zum ersten Mal an diesem Morgen eine wirklich fotografische Situation. Mir war inzwischen warm vom Aufstieg. Vielleicht auch, weil der Morgen anfing, sich zu lohnen. Die Natur war noch ganz still. Keine Vögel, nichts. Ich war allein mit den Bergen.
Ich fotografierte, wechselte den Standort, kletterte ein wenig am Hang herum. Brombeeren zerrten an meiner Hose, Brennnesseln stachen durch den Stoff. Meine Kleidung war zum Teil noch Sommer. Ich lernte gerade, dass sich etwas änderte.
Nach Westen hatte ich nur diese eine Sichtachse, und bald waren die Motive ausgeschöpft. Da sah ich durch den Wald im Osten einen orangen Schimmer. Morgenrot.
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Die Brücke
Ich stieg schnell ab, wieder hinunter zur Brücke. Erst jetzt wurde das ganze Ausmaß der Baustelle sichtbar. Ich eilte hinüber, um nach Osten freie Sicht zu bekommen. Über den Bergen hatten sich Wolken geschichtet, von unten orange angeleuchtet. Dafür steht man gerne früh auf. Über dem See lag feiner Dunst.
Klick, klick. Ich änderte Einstellungen, Perspektive, Ausschnitt. Hinter dem dunklen Bergrücken ein starkes, rötlich-oranges Leuchten, die Spiegelung im Wasser, der Dunst als weitere Ebene. Und mitten im Bild die Baustelle, die Brücke, ein rotes Element im Wasser. Alles stand der Komposition im Weg.
Erst jetzt merkte ich auch, dass der See hinter der Brücke, weg von Einruhr, fast ausgetrocknet war. Deshalb hatte ich von oben keine Spiegelung gesehen. Nur Wasser, wie ein Flüsschen.
Ich versuchte, das Problem fotografisch zu lösen. Mit dem Tele verdichtete ich, was über der Baustelle lag. Mit dem Weitwinkel suchte ich Standorte oberhalb und außerhalb davon. Auf den Bildern ist von der Baustelle nichts zu sehen. Sie war trotzdem da.
Der Himmel leuchtete, aber nicht lange. Die Sonne stieg höher in die Wolken, das Orange verschwand. Ich beendete die Improvisation am See und ging auf die Route, für die ich eigentlich gekommen war: ins Erkensruhrtal.
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Kaminfeuer
Der Weg begann neben der Straße, am Ufer der Erkensruhr. Ein ruhiger Bach. Die Bucheckern waren schon aufgesprungen, hingen aber zum großen Teil noch an den Zweigen. An einigen Stellen färbte sich das Laub. Man konnte ahnen, dass der Herbst anfing. Nach kurzer Strecke führte der Weg zurück an die Straße und lief dort weiter wie ein Bürgersteig. Ich ging schneller.
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Nach ein paar hundert Metern bog er ab. Große Tafeln warben für Ferienwohnungen und Ferienhäuser; vermutlich war der Weg deshalb asphaltiert. Er führte in eine Wiesenlandschaft, und beim Blick über die Wiesen fiel mir auf, wie grün hier noch alles war. Nur einzelne Bäume am Rand trugen ein paar bunte Blätter.
Die Wiesen hörten auf, und das Tal wurde steil. Die Erkensruhr war nicht mehr zu sehen. Ich war im Wald, aber es war kein Wald für Bilder. Umgestürzte Fichten, Opfer von Sturm und Borkenkäfer. Dazwischen lagen Stämme, die Waldarbeiter gefällt und kreuz und quer zurückgelassen hatten. Am Anfang des Abschnitts warnte ein großes Schild vor Gefahren und erklärte, warum man den Wald sich selbst überlässt: Aus dem Fichtenforst soll wieder ein Naturwald werden, und das Totholz gehört dazu. Hier im Nationalpark ging der Wald wieder seinen eigenen Weg.
Dann roch ich das Dorf Erkensruhr, bevor ich es sah. Das würzige Aroma von Kaminfeuer lag in der Luft. Nicht beißend, einfach ein Geruch nach Herbst und Heimeligkeit. Häuser konnte ich durch die Bäume nicht erkennen. Sie mussten am Hang auf der anderen Seite des Bachs stehen.
Dann hörte ich den Ort. Ein älterer Herr wollte offenbar mit seinem Hund los und traf direkt vor der Tür die Nachbarin, wohl ein Feriengast. Laut und klar schallte es aus dem Tal herauf. Er pries die schöne Gegend und erklärte ihr die Eifel. Sie antwortete zunächst freundlich. Als er aber über sein Sportprogramm zu referieren begann, verstummte sie. Dafür wurde der Hund unruhig. „Es wird auch bald Herbst“, sagte der Mann zum Abschied. Der Hund zerrte an der Leine und jaulte.
Ich musste lächeln. Ganz unrecht hatte er nicht.
Fotografisch wurde es nicht besser. Feiner Dunst hing im Wald, aber die Sonne kam gegen die Wolken nicht an. Kein Nebelwald, kein Hochwald, sondern dichter, unruhiger Bestand, viel Unterwuchs, Totholz, junge Bäume. Es wurde wieder still, und der Kaminduft verlor sich. Ich hatte den Ort hinter mir gelassen, ohne ihn gesehen zu haben.
Langsam ging der Wald in Buchenwald über, das Durcheinander blieb zurück. Wenn der Wald kein Bild hergab, dann vielleicht der Boden. Ich nahm die Kamera tiefer: bunte Blätter, Pilze, morsches Holz. Im Großen war noch Sommer. Im Kleinen war der Herbst schon da.
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Keine Tür
Am Ende des Weges tauchte eine kleine Holzhütte auf. Das musste die Waldkapelle sein. Davor sprudelte ein Brunnen. Die Kapelle hatte keine Tür, der Raum öffnete sich sofort, und für einen Moment war ich überwältigt. Ich war ganz allein. Eine solche Kapelle hatte ich in der Eifel noch nirgends gesehen.
Der Raum war übervoll. Kruzifixe, Marienstatuen, Rosenkränze, dicht an dicht. Und an den Wänden Dank: auf Holzscheiben und Brettern, eingebrannt, geschnitzt, gestickt, mit der Hand geschrieben.
Ich bin nicht religiös. Trotzdem hatte ich hier das Gefühl, an einem besonderen Ort zu sein. Eine Transitstation der Hoffnung und der Dankbarkeit. Christliche Symbole wecken in mir immer ein bisschen Weihnachtsstimmung. Selbst Anfang Oktober, wenn der Herbst gerade erst beginnt. Ich machte behutsam ein paar Aufnahmen. Es war dunkel im Raum, und ich hatte weder Stativ noch Bohnensäckchen dabei. Beim Fotografieren begann ich zu lesen.
„Danke für die erhörte Bitte. Vossenack, Mai 1989.“
„Mutter Gottes, Danke für 54 Ehejahre.“
„Heilige Mutter Maria, Dank für Deine Hilfe.“
Daneben Jahreszahlen, 1987, 1988, ein gesticktes „Danke“ von 2021. Dank für ein langes Leben, für eine Ehe, für eine überstandene schwere Zeit, eine Krankheit vielleicht. Manches nannte gar nicht, wofür.
Ich setzte mich still auf eine Bank. Mir fiel ein, worüber ich mich an diesem Morgen geärgert hatte: eine Baustelle im Motiv, ein Nebel, der nur Schleier blieb, ein Wald, der kein Bild hergab. Es war mir ein wenig peinlich.
Ich blieb eine Weile sitzen. Eigentlich war es egal, ob ich schöne Bilder hatte oder nicht. Ich war hier, konnte gehen, konnte sehen, hatte einen ganzen Morgen draußen verbracht. Mir fehlte nichts.
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Gewöhnliches Licht
Als ich wieder ins Freie trat, musste ich blinzeln. Die Sonne hatte sich doch gegen die Wolken durchgesetzt. Der Dunst war weg. Zwischen den Bäumen lagen Lichtinseln. Das Licht war hart und gewöhnlich geworden.
Ich ging langsam weiter und suchte nichts Besonderes mehr. Hinter der Kapelle führte der Weg hinab ins Tal, und erst hier kam ich der Erkensruhr wirklich nahe. Bemooste Steine, kleine Stufen, über die das Wasser lief, gelbes Laub am Ufer, ein Holzsteg. Ich fotografierte noch ein paar Mal, ohne zu suchen: den Bach, den Steg, Laub, das im Wasser trieb, einen Hohlweg im Buchenwald. Was eben am Weg lag.
Danach kam der lange Rückweg. Wald zum Wandern, keine Aussicht, keine Felsen, nichts, was ein Motiv sein wollte. Es störte mich nicht mehr. Ich ging einfach weiter, genoss den gleichmäßigen Schritt, das Draußensein. Die Kamera vergaß ich mehr oder weniger.
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Kachelansicht
Zurück in Einruhr war auf dem Parkplatz der Teufel los. Gruppen von Bikern zogen bollernd vorbei, Auto stand an Auto, Wanderer in Gruppen machten sich auf den Weg.
Erst jetzt sah ich, dass ich am Morgen ein wenig Chaos angerichtet hatte. Der Parkplatz war mit Rasenlochsteinen gepflastert, und im Dunkeln waren keine Markierungen zu erkennen gewesen. Ich hatte quer zur Parkbucht gestanden. Ein paar Holländer hatten meine Variante übernommen und daraus ganz entspannt eine eigene Ordnung gemacht. Drumherum gruppierten sich die ordentlich geparkten deutschen Wagen. Ups.
Als ich mich ins Auto setzte, hatte ich das Gefühl, nichts mitzubringen. Unzufrieden war ich nicht. Eher: dumm gelaufen. Achselzucken.
Zu Hause zog ich die Bilder von der Karte und öffnete sie in Lightroom. In der Kachelansicht lagen sie alle nebeneinander, und ich war überrascht, wie viel da war.
Vom Herbst war an diesem Morgen noch nicht viel zu sehen gewesen. Zu spüren war er schon: in den Fingerkuppen, im Kaminduft, in einer Kapelle ohne Tür. Und irgendwo zwischen der Baustelle im Morgenrot und der Bank in der Kapelle hatte sich verschoben, worauf es mir ankam.
Die Bilder gehörten dazu. Sie waren nur nicht mehr die Hauptsache.
Essenz: Die 7-Bilder-Serie
Sieben Bilder aus einem Morgen: Ahnung, Verheißung, Entdeckung, Vergänglichkeit, Einkehr, Dankbarkeit, Gelassenheit
Ahnung Verheißung Entdeckung Vergänglichkeit Einkehr Dankbarkeit Gelassenheit
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Alle 7er-Serien findest Du hier.
Der Weg
Die Route: Aufzeichnung, Höhenprofil und praktische Hinweise findest du bei Komoot. Hier kannst du mit einem Klick auf die Karte die Route auf Komoot öffnen.
Mehr entdecken
Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.
Wenn dich dieser Photohike berührt hat oder du eine Frage zur Tour hast, schreib mir gern direkt per E-Mail oder über das Kontaktformular.
© Lars-Henrik Roth / Wanderspezi® – the Photohiker. Texte und Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Urheberrecht. Eine Nutzung ohne vorherige Zustimmung ist nicht gestattet.




