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Wenn das Licht sich verweigert -Photohike Brackvenn

Autorenbild: Lars-Henrik Roth
Lars-Henrik Roth
7. Feb.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Sept.

Von Lars-Henrik Roth Ein Wintermorgen im Brackvenn, an dem nichts so kam wie erhofft - und genau darin begann das eigentliche Sehen.

 

Endlich Schnee. Nach Wochen aus Grau und Braun lag plötzlich Weiß über dem Land. Für mich fühlte sich das an wie ein Startschuss – der erste echte fotografische Atemzug des neuen Jahres.


Es war noch dunkel, als ich losfuhr. In Gedanken feierte ich das Licht bereits, lange bevor es zu sehen war. Ich sah einen glühenden Februarmorgen vor mir: das erste Orange, das sich durch gefrorene Gräser des Hohen Venns brennt, die tiefe Blaustunde, in der der Schnee die Farben des Himmels trinkt. Glitzernde Flächen. Kälte. Kontrast. Licht in all seinen Facetten.


Ein tief verschneiter Steg im Moor führt durch einen Tunnel aus Büschen ins Nichts
Der Weg verschwindet im Geflecht aus Linien. Kein Ziel in Sicht, nur Gehen.

Das war der Plan, den ich auf der Fahrt dorthin noch einmal durchging – so, wie man einen Weg im Kopf schon geht, bevor der Fuß den ersten Schritt setzt. Ich kannte diese Art der Vorfreude. Sie hatte mich selten getäuscht. Mir wurde warm im Auto.


Das Brackvenn hatte an diesem Morgen eine andere Absicht.


Beim Aussteigen empfing mich eine wattige Landschaft aus frischem Schnee. Der Frost ließ mich schnell die Jacke schließen. Der Schnee schluckte jedes Geräusch. Die Stille war beinahe körperlich, als hätte jemand über Nacht den Ton der Welt heruntergedreht.


Zufrieden legte ich die Ausrüstung an, machte ein paar schnelle Probeaufnahmen und stapfte mit kindlicher Freude ins Moor hinein. Das Knirschen meiner Wanderstiefel war das einzige Geräusch des Morgens.


Doch im Sucher fehlte etwas Entscheidendes: Farbe.


Der Horizont löste sich auf, Himmel und Erde verschmolzen zu derselben grauweißen Fläche. Wo ich Leuchten erwartet hatte, fand ich Schweigen. Wo Tiefe sein sollte, war nur Fläche. Das Licht verweigerte sich – radikal, kompromisslos, ohne Verhandlungsspielraum.



Das warme Gefühl bei der Anfahrt wich einer kühlen Distanz.


  • Winter im Brackvenn – kein Leuchten, kein Drama. Nur Raum, Struktur und das Licht, das nicht erschei
  • Das Licht hält Abstand, die Landschaft antwortet mit Struktur. Zwischen Himmel und Schnee bleibt nur
  • Birken und Gestrüpp halten stand gegen die Leere. Das Moor zeichnet – leise, präzise, ohne Eile.
  • Der Steg als Gedanke. Er verbindet nichts und führt doch weiter. Ein stiller Weg durch das Weiß – me


Dann tauchten vor meinem inneren Auge Radierungen von Alfred Fritzsching auf, die ich Monate zuvor in einem Auktionskatalog gesehen hatte: hauchdünne Kaltnadelrisse auf weitem, unbedrucktem Papier.


Ich hatte diese Blätter lange betrachtet. Bei Fritzsching war die Leere kein Mangel. Das Weiß um die Linien herum gehörte zum Bild. Ohne diese Fläche hätte die Linie ihr Gewicht verloren.

Jetzt stand ich mitten in einer solchen Fläche.


Plötzlich sah ich das Brackvenn nicht mehr als die Landschaft, die mir den erwarteten Wintermorgen verweigerte. Die knorrigen Moorbirken wurden zu Linien, die jemand in die weiße Fläche geritzt hatte. Die erfrorenen Gräser wirkten wie feine Schraffuren, kaum sichtbar, bis man nah genug herantrat.


Mein fotografischer Verstand fuhr wieder hoch.

  • Die Linie sucht Halt. Mehrere Stämme, ein gemeinsamer Stand. Das Weiß hält sie zusammen.
  • Annäherung. Der Weg verdichtet den Raum, bis der Baum zum einzigen Gegenüber wird.
  • Begegnung. Zwei Formen, ein Atem. Alles Überflüssige ist verschwunden.

Ich traf eine bewusste Entscheidung: Ich legte den Farbsinn der Kamera schlafen. Mit dem Wechsel in den monochromen Modus suchte ich nicht länger nach dem Licht, das ich mir auf der Fahrt vorgestellt hatte. Ich suchte nach Struktur, Linie und Fläche.


Die Kamera wurde zur Radiernadel.


Auch die Vorstellung des Ma kam mir in den Sinn – jenes Zwischenraums, der in der japanischen Ästhetik nicht bloß das ist, was zwischen den Dingen übrigbleibt, sondern selbst Beziehung schafft. Ich musste daraus keine Theorie für diesen Morgen machen. Aber der Gedanke passte zu dem, was vor mir lag: Birken, Gräser, Schnee – und dazwischen eine Leere, die plötzlich nicht mehr leer war.


Auch der Weg begann Teil dieser Zeichnung zu werden. Wo er über schmale Holzstege durch das Moor führte, lagen plötzlich gerade Linien in einer Fläche, die sonst kaum Richtung kannte. An anderen Stellen verschwanden schmale Pfade beinahe im Schnee, bevor sie wieder in breitere Wanderwege übergingen.


Die Spur wechselte ihre Form, aber sie blieb die Linie, der ich durch diese weiße Fläche folgte.

 

Der Weg endet nicht – er verdichtet sich. Ein einzelner Baum hält dem Blick stand. Alles andere tritt zurück
Der Weg endet nicht – er verdichtet sich. Ein einzelner Baum hält dem Blick stand. Alles andere tritt zurück

Von da an ging ich langsamer. Nicht, weil ich es mir vorgenommen hätte, sondern weil der Weg und das Sehen es verlangten. Rund acht Kilometer führte die Route durch das Venn, über verschneite Stege, schmale Pfade und breite Wanderwege. Fast ohne Steigung, ein Auf und Ab von kaum fünfzig Metern auf der gesamten Strecke – eine Landschaft, die keine Dramatik im Relief kennt.


Wo es nichts zu erklimmen gibt, bleibt nur, genauer hinzusehen.


Vier Stunden brauchte ich für diese acht Kilometer. Eine Geschwindigkeit, die kein Wanderer wählen würde, der ankommen will. Aber ich wollte nicht ankommen. Ich blieb stehen, ging ein paar Schritte, blieb wieder stehen.


Die Kälte machte sich jedes Mal bemerkbar, wenn ich zu lange an einer Stelle verharrte. Bewegung hätte gewärmt. Trotzdem blieb ich.


Jeder Schritt wurde bewusster, jeder Halt länger. Ich suchte nicht mehr nach Motiven, sondern nach Beziehungen: zwischen Linie und Fläche, Nähe und Leere, Dunkel und Licht.


Der Weg wurde zur Führung, nicht zum Ziel.


Ich hob die Kamera, senkte sie wieder, verwarf Bilder, ließ andere bewusst liegen, ohne auszulösen. Manches entstand beiläufig im Vorübergehen. Anderes erst nach Minuten, in denen nichts geschah außer meinem langsamer werdenden Atem und dem leisen Knirschen unter den Stiefeln.


Ich fotografierte nicht das Moor.


Ich fotografierte das Dazwischen.



  • Anfang ohne Auftakt. Wasser, Eis und Ferne halten Abstand zueinander. Die Serie beginnt dort, wo nic
  • Übergang. Der Steg schneidet das Wasser, ohne es zu überwinden. Ein Schritt genügt, um Teil der Stil
  • Gerichtet. Der Weg ordnet das Offene. Er zwingt nichts – aber er entscheidet.
  • Eintreten. Die Landschaft schließt sich hinter dir. Der Weg wird zum Raum.
  • Stillstand. Ein Ast hält das Weiß. Mehr Bewegung braucht es nicht.

Das Weiß um mich herum kannte kaum Perspektive im herkömmlichen Sinn. Es gab kein deutliches Vorne und Hinten, nur ein Näher und Ferner, bestimmt durch die Dichte der Linien. Eine Birke, die eben noch Teil der Fläche gewesen war, wurde zum einzigen Gegenüber, sobald ich nah genug herankam.


Alles andere trat zurück.


Auf dem Rückweg näherte ich mich langsam wieder dem Ausgangspunkt. Es war dieselbe Landschaft, durch die ich am Morgen gegangen war. Der Schnee lag noch immer auf den Gräsern. Der Himmel war noch immer grau. Das Licht hatte sich nicht entschieden, mir doch noch den Morgen zu schenken, den ich erwartet hatte.


Aber ich sah ihn nicht mehr so wie zu Beginn.


Ich hatte aufgehört, auf das Leuchten zu warten.


Die Linien genügten.



Licht zeichnet, bevor es leuchtet.





Essenz: Die 7-Bilder-Serie

Sieben Bilder aus einem Morgen: Erwartung - Widerstand - Öffnung - enttäuschte Erwartung - neues Sehen - Rückkehr in die Landschaft - Weitergehen

  • Erwartung
  • Widerstand
  • Öffnung
  • Enttäuschte Erwartung
  • Neues Sehen
  • Rückkehr in die Landschaft
  • Weitergehen

Alle 7er-Serien findest Du hier.

 



Der Weg

Die Route: Aufzeichnung, Höhenprofil und praktische Hinweise findest du bei Komoot. Hier kannst du die Route auf Komoot öffnen.



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Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.


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