Was der Wald verschweigt – Photohike Ehrbachklamm

Aktualisiert: vor 4 Stunden
Manche Orte brauchen einen zweiten Blick. Nicht mit den Augen, sondern mit Wissen. Die Ehrbachklamm ist ein freundlicher Ort: grünes Licht, plätscherndes Wasser, ordentliche Kaskaden. Was darunter liegt, zeigt sich erst zu Hause, abends, wenn man anfängt zu lesen. Von Lars-Henrik Roth
Die Lücke
Auf dem Weg nach oben hörte ich auf zu denken. Das passiert manchmal beim Klettern: wenn der Untergrund Aufmerksamkeit verlangt, wenn das Gewicht der Ausrüstung an den Schultern zieht und der Atem sich dem Rhythmus der Schritte unterwirft, dann wird der Kopf still. Ich konzentrierte mich auf den Fels unter meinen Wanderschuhen, auf die dünnen Bäume, die als Griffe dienten, auf den nächsten sicheren Schritt.
Als ich oben ankam, drehte ich mich um.
Gegenüber, auf dem anderen Hang, sah ich die Ruinen einer Burg oder Festung.

Ich wusste nicht, was ich sah. Ein Schild am Weg hatte einen Namen gehabt — Rauschenburg, glaube ich, aber Namen ohne Geschichte sind nur Beschriftungen. Die Ruine stand da, halb von Frühlingsgrün verdeckt, dunkel, stumm. Keine Erklärung, kein Zusammenhang. Nur diese alten Steine, die aus dem Wald ragten wie eine Frage, die jemand in den Raum wirft.
Ich fotografierte die Festung, nicht weil sie schön war, sondern ein Rätsel. Dann ging ich weiter.
Nichts davon hatte sich an diesem Morgen angekündigt..

Ohne Versprechen
Die Wetterprognosen für April sind Verhandlungsangebote, keine Zusagen. Was ich für diesen Morgen herausgelesen hatte: vielleicht Dunst, vielleicht Nebel in der Schlucht, vielleicht einfach eine schöne Wanderung. Die Ehrbachklamm stand in meinen Notizen mit einem einzigen Wort: MAYBE.
Ich fuhr trotzdem.
Es dämmerte gerade, als ich den Parkplatz erreichte. Ich stieg aus, schulterte den Slingbag, arretierte die Kameras im Tragegestell, und schaute in den Himmel. Aus Gewohnheit, nicht aus Erwartung. Da begannen sich die Wolken zu färben. Nicht zögerlich, sondern mit einer plötzlichen Entschlossenheit, die mich völlig überrumpelte. Orange, dann tief, fast kupferfarben. Dramatische Wolkentürme, die das Licht von unten auffingen. Die Obstbäume an der Allee standen als schwarze Silhouetten dagegen.
Ich dachte: Das war es vielleicht schon.
Tau auf der Frühlingswiese Sonnenaufgang bei Oppenhausen Dramatischer Morgen
Die freundliche Schlucht
Zunächst ging es über offenes Gelände, vorbei an Feldern und Obstwiesen. Dann tauchte der Weg in den Wald ein und der Himmel schloss sich hinter mir. Das Morgenrot war vorbei. Die Sonne stand irgendwo im Dunst, fast unsichtbar, und das Licht, das in die Schlucht fiel, war gleichmäßig, klar, ohne Richtung.
Blick über das Ehrbachtal im Frühlingsdunst Junger Trieb im Morgenlicht Weinbergschnecke am Waldboden Ausdauerndes Silberblatt im Frühlingsgrün
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Der Ehrbach plätscherte. Nicht dramatisch, sondern verlässlich, wie etwas, das schon immer dort gewesen ist. Das Frühlingsgrün leuchtete von innen heraus. Dieses frische, fast unwirkliche Hellgrün des April, das keine Fotografie je ganz trifft. Moos auf Steinen, umgestürzte Stämme, das Wasser dunkel über Kiesel. Ein Specht klopfte, fröhliches Vögelzwitschern füllte die klare Luft.
Kaskade zwischen moosigen Felsen Kaskadenstufe am Ehrbach
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Dann die Attraktionen. Die Tourismusprospekte nennen sie Wasserfälle. Es sind Kaskaden — zwei davon, ordentlich, ohne Anspruch. Ich kletterte in den Bach, nutzte Felsen als Auflage, suchte den Ausschnitt, machte die Bilder. Die Schlucht ließ mich arbeiten. Sie bot sich nicht an, aber sie verweigerte sich auch nicht.
Ein freundlicher Morgen in schöner Natur.
Kaskadenwand mit fließenden Wasserfäden 2. Mooswand hinter dem Wasserfall 3. Wassersturz über dunklem Felsblock
Am Wegrand stand eine alte Mühle, halb verborgen, etwas abseits am anderen Ufer. Die Eckmühle, sagte ein Schild. Tiefer in der Klamm führte eine gesperrte Holzbrücke auf die andere Seite. Wohin? Dann Mauerreste, von Moos überwuchert. Ein Haus? Eine Befestigung? Eine Kapelle? Ich ging weiter, ohne Antwort.
Steg an der Felswand über dem Ehrbach Brücke in der Ehrbachklamm Bachlauf zwischen Felswänden
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Der Aufstieg
Dann war die Schlucht plötzlich vorbei.
Der Weg stieg an, steil, ohne Ankündigung. Was eben noch ein Waldpfad gewesen war, wurde Hang. Wurzeln als Stufen, dünne Bäume als Geländer, der Boden wechselte von feuchtem Lehm zu Fels. Mit dem Rucksack, den Kameras, dem Stativ auf dem Rücken wurde jeder Schritt eine Kalkulation. Nicht gefährlich. Aber fordernd.
Ich hörte auf zu fotografieren. Ich hörte auf zu suchen. Ich ging einfach.

Der Rückweg
Oben auf der Höhe öffnete sich der Wald. Lichter Eichenbestand, hier war das Frühlingsgrün noch kaum angekommen, der Pfad schlängelte sich am Hang entlang, immer wieder Blicke hinunter ins Tal. Aber die Schlucht blieb verborgen. Nur grüne Hänge, die sich ineinander schoben, kein Hinweis auf das, was dort unten war.
Ich wusste es trotzdem.
Der Ehrbach plätscherte da unten, unsichtbar. Die Eckmühle stand am anderen Ufer. Die gesperrte Brücke führte irgendwohin. Die Mauerreste warteten auf eine Frage, die ich noch nicht stellen konnte.
Nur weil ich dort gewesen war, existierte das alles für mich. Für jeden, der oben auf diesem Weg geht und die Schlucht nicht kennt, ist da unten einfach Wald.

Die Geschichte dahinter
Wieder zu Hause sicherte ich die Bilder und machte mich an die Kamerapflege. Plötzlich kam mir wieder dieses Schild mit dem unbekannten Namen in den Sinn. Ich legte das Tuch beiseite.
Rauschenburg. Ich tippte den Namen, den ich kaum behalten hatte.
Was dann kam, war mehr als ich erwartet hatte. Die Eltzer Fehde war ein mittelalterlicher Machtkampf zwischen dem Erzbischof von Trier und den Adelsgeschlechtern der Region, der sich über Jahre hinzog. Die Rauschenburg selbst war keine gewachsene Burg, sondern eine Trutzburg, hastig errichtet, um den Gegner zu kontrollieren, nicht um zu wohnen. Proviant wurde durch die Schlucht geschmuggelt, nachts, an Belagerern vorbei. Derselbe Weg, den ich heute morgen gegangen war.
Dann die Sagen. Ein gottloser Adliger auf Schloss Schöneck, mit einem Fluch belegt, verdammt als Geisterreiter durch die Schlucht zu irren. Die Wilde Jagd, die durch die tiefen Täler des Hunsrücks zieht. Und Schinderhannes, der berühmteste Räuber der Region, der die Schieferhöhlen und Schluchten als Versteck nutzte, wenn der Verfolgungsdruck zu groß wurde.
Erstaunt saß ich da und dachte an den freundlichen Ort. An das gleichmäßige Licht, das verlässliche Plätschern, die ordentlichen Kaskaden.
Aber jetzt waren da die Männer, die keuchend schwere Lasten über die Steine schleppten. An Ihrer Seite Bewaffnete, die Hand am Schwertknauf, den Blick prüfend nach oben, auf die Ränder der Schlucht gerichtet. Mit großen Augen lauschen die Kinder der Erzählung des Vaters in der Eckmühle. Draußen pfeift der Wind, es klingt, als würden die Geisterhunde der wilden Jäger heulend an den Ketten zerren. Und über eine morsche Holzbrücke galoppiert der verfluchte Geisterreiter und verschwindet im dichten Wald.
Plötzlich war die Schlucht eine andere.

Essenz: Die 7-Bilder-Serie
Sieben Bilder aus einem Morgen: Morgenrot - Ferne - Übergang - Eintauchen - Rauschen - Rückblick - Beharren
Alle 7er-Serien findest Du hier.
Der Weg
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