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Die Rechnung · Photohike Burg Eltz

Autorenbild: Lars-Henrik Roth
Lars-Henrik Roth
vor 1 Tag
12 Min. Lesezeit

Burg Eltz geht immer, sagen Fotografen. Ich hatte diesen Satz nie hinterfragt. An jenem Morgen wollte ich sehen, ob mir an diesem tausendfach fotografierten Ort etwas Eigenes gelingen würde. Über der Mosel lag ein Nebelmeer.



Fünfzehn Minuten


Hinter der Autobahn fiel die Straße, und eine Weile fiel die Nacht mit. Es war noch dunkel genug für die Scheinwerfer, aber schon hell genug, um zu ahnen, dass unten etwas lag, das ich dort nicht erwartet hatte. Wo das Moseltal hätte sein müssen, lag eine Fläche. Weiß, ohne Ufer, ruhiger als jedes Wasser. Mit jeder Kurve bergab wurde sie größer, als käme sie mir entgegen.


Inversion, dachte ich, und ärgerte mich ein wenig, dass mir zuerst das Wort einfiel und erst dann das Staunen. Dann holte das Staunen auf. Im Radio lief etwas, das ich zu Hause weggedreht hätte, und ich sang mit, laut und schief. Ein erwachsener Mann, allein im Auto, kurz nach sechs, sang einem Nebelmeer entgegen. Niemand hörte es. Es war der glücklichste Moment des Tages, und ich wusste das noch nicht.


Ich hatte keine Zeit. Ich hatte es am Abend zuvor ausgerechnet, mit Sonnenaufgang, Fahrtdauer und Puffer, und der Puffer war schon aufgebraucht. Trotzdem setzte ich den Blinker. Eine Feldeinfahrt, der Motor lief weiter. Über dem Weiß lag am Horizont ein rosafarbener Streifen, so schmal, dass ich ihn mit dem Daumennagel hätte abdecken können. Das Stativ blieb im Kofferraum, schwer und vernünftig. Ich drehte die Empfindlichkeit hoch, bis die Zahl im Sucher etwas Absurdes bekam, stützte die Ellbogen aufs Autodach und hielt den Atem an. Auf dem kleinen Bildschirm leuchtete es hell und richtig. Ich habe es, dachte ich.


Dann fuhr ich hinunter, mitten hinein.


Unten war die Welt zwanzig Meter weit. Der Parkplatz lag leer darin: Schotter, der im Nebel verschwand, ein Schild, von dem ich nur die Rückseite sah. Ich stieg aus und atmete. Nebel ist kühl, ohne kalt zu sein, nass, ohne zu regnen. Er ging tiefer hinein als gewöhnliche Luft, bis in die hintersten Winkel der Lunge.


Ich war wegen der Burg gekommen. Ich kannte sie aus tausend Bildern, und unter Fotografen gibt es den Satz, Burg Eltz gehe immer. Ich hatte ihn nie hinterfragt. An diesem Morgen wollte ich selbst herausfinden, ob mir an einem so oft fotografierten Ort noch etwas Eigenes gelingen konnte. Ein Bild, das nicht nur ein weiteres Burgbild war.


Ich öffnete die Karte auf dem Telefon, um die Navigation zu starten, und sah, was ich längst wusste. Der Weg war eine Schleife. Er führte erst weit hinaus über die Hochfläche und kam spät hinunter ins Tal, zur Burg. Andersherum wäre sie nah.


Mein Daumen schwebte schon über dem Bildschirm.


Fünfzehn Minuten. Vielleicht zwanzig. Du stehst vor der Burg, und niemand sonst ist da. Sie im Nebel, nur halb vorhanden, die Türme wie aus dem Weiß geschnitten. Das Bild. Vielleicht das Bild, das man irgendwo einreicht.

Ich kannte dieses Bild. Ich hatte es hundertmal gesehen, in Wettbewerben, auf Kalendern, in Bildströmen, die ich mit demselben Daumen weiterschob, ohne hinzusehen. Es war ein gutes Bild. Es war immer dasselbe gute Bild. Und ich war nicht um fünf Uhr aufgestanden, um es abzuholen.


Ich steckte das Telefon ein und schloss den Kofferraum. Es klang endgültiger, als es war.


Denn schon bei den ersten Schritten rechnete es in mir weiter. Wenn ich zügig war. Wenn der Nebel sich hielt. Wenn er sich genau dann hob, wenn ich unten ankam, nicht früher und nicht später. Im dichtesten Nebel sähe man sie ohnehin kaum, sagte ich mir, ein Stück Mauer vielleicht, einen Turm. Es wäre geradezu klug, jetzt den langen Weg zu gehen.


Ich ging den Weg, den ich mir vorgenommen hatte. Die Rechnung nahm ich mit.



Ein geschwungener Waldweg bei Burg Eltz führt zwischen hohen Laubbäumen in den Morgennebel. Sonnenlicht fällt durch das dichte Blätterdach.


Stille, in drei Linien


Der Wald nahm mich auf wie ein Raum ohne Lampe. Unter den Bäumen war der Nebel nicht weiß, sondern grau, und was die Kamera daraus machte, sah aus wie ein schlecht belichteter Traum. Ich machte trotzdem ein paar Bilder, ohne sie zu meinen. Es ging um die Hände, um den Schritt, darum, dass der Körper begriff, wozu er an diesem Morgen hier war.


Dann hörten die Bäume auf.


Das Licht war schon da, bevor die Sonne da war. Es hatte keine Richtung. Es stand im Nebel wie Wärme in einem Zimmer, das gerade jemand verlassen hatte. Felder liefen ins Weiße, ein Schotterweg zog geradeaus, am Rand standen junge Bäume, jeder für sich, als hätte man sie einzeln dort abgestellt. Weiter hinten ein Hof, ein steiles Dach, dunkle Fenster. Ob dort jemand schlief oder seit Jahren niemand mehr, ließ sich von hier aus nicht sagen. Der Nebel machte da keinen Unterschied.



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Am Wegrand stand ein Kreuz aus Stein, so verwittert, dass es eher gewachsen als gemacht aussah. Flechten hatten sich darauf ausgebreitet, gelb und grau, wie Landkarten von Ländern, die es nicht gibt. In einer Nische, dort wo die Balken sich kreuzten, saß eine Frau. Ihr Gesicht war rund und ruhig, die Augen nur noch Mulden, der Mund ein Strich, den der Regen nachgezogen hatte. Eine Heilige sah ich darin nicht. Eher eine römische Matrone, die man einmal in einen Altar gesetzt hatte und die sitzen geblieben war, als die Götter wechselten. Vielleicht, dachte ich, war dieser Stein früher etwas anderes gewesen, ein Tempelstein, später umgehauen und umgedeutet. Ich wusste nichts darüber. Ich mochte den Gedanken trotzdem.


Ich ging nah heran, bis ihr Gesicht das ganze Bild füllte.





Erst als ich mich abwandte, sah ich, was sie auf dem Schoß hielt: einen langen, schweren Körper, quer über ihre Knie gelegt, das Gesicht fast ganz abgetragen. Keine Matrone. Eine Mutter.


Ich stand noch einen Moment. Dann ging ich weiter.


Irgendwann war die Sonne da. Eine Scheibe tief im Weiß, so blass, dass man hineinsehen konnte, ohne zu blinzeln. Sie schien nicht. Sie war nur der Ort, von dem das Licht kam, das schon die ganze Zeit da gewesen war. Auf dem Acker stand ein junger Baum, kaum höher als ich, ein paar Dutzend Blätter an dünnen Zweigen. Von einer Stelle aus lag die Sonne genau hinter ihnen.


Meine Schuhe waren längst durch. Die Nässe in den Socken fühlte sich erst kühl an, dann warm, dann gleichgültig. Ich kniete mich trotzdem ins Gras.


Denn erst jetzt sah ich die Netze. Sie waren die ganze Zeit da gewesen, in jedem Busch, zwischen jedem zweiten Halm, aber erst der Nebel hatte sie mit Wasser behängt. Tausend Tropfen an Fäden, die man sonst nur spürt, wenn man hineinläuft. Der Nebel verbirgt nicht alles. Manches zeigt er überhaupt erst.



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Auf einem Feld standen Hochspannungsmasten, grau in Grau, und von ihnen gingen Leitungen hinaus ins Nichts. Auf den Leitungen saßen Vögel. Dutzende, in fast gleichen Abständen, als hätte jemand sie dort aufgereiht. Keiner sang. Keiner putzte sich. Keiner flog auf, als ich stehen blieb.


Ich wartete. Ich wartete auf den Augenblick, in dem einer losflog und die anderen mitriss, auf das Aufstieben, das Ereignis, das Bild mit Bewegung. Es kam nicht. Sie saßen da, als warteten sie selbst auf etwas, auf ein Zeichen, das nur sie hören würden. Schließlich fotografierte ich, was da war: Stille, in drei Linien.



Dutzende Vögel sitzen in regelmäßigen Abständen auf drei schräg verlaufenden Stromleitungen. Ihre dunklen Silhouetten heben sich vom hellen, nebligen Morgenhimmel ab.


Seit einer Weile hatte ich nicht mehr auf die Uhr gesehen. Die Stimme, die am Parkplatz gerechnet hatte, war so leise geworden, dass ich ihr Schweigen nicht bemerkte. Hungrig war ich trotzdem. Hungrig auf den nächsten Busch, die nächste Biegung, den nächsten Grad, um den das Licht wärmer wurde. Ich arbeitete, und es war ein Glück, zu arbeiten.


Und doch, wenn ich ehrlich bin: Ich steckte diese Bilder ein wie Wechselgeld, ohne nachzuzählen. Das hier war der Weg zur Burg. Das Eigentliche kommt noch, dachte ich, wenn ich überhaupt daran dachte.


Blau


Der Wald, der ins Tal hinunterführte, begann ohne Ankündigung. Erst standen ein paar Stämme am Feldrand, dann mehr, dann schloss sich das Dach. Ein Hohlweg wand sich hinab, altes Laub, Wurzeln, die über die Böschung griffen. Zwischen den Stämmen hing noch ein Rest Dunst, ein Nachhall dessen, was draußen auf den Feldern gewesen war. Ich machte ein Bild davon, fast aus Höflichkeit.


Ein schmaler, gewundener Waldpfad führt durch einen grünen Laubwald bei Burg Eltz. Zwischen den hohen Bäumen liegt leichter Morgennebel.

Dann war auch der Dunst weg.


Es war ein Wald, wie es Tausende gibt. Grün, braun, ordentlich. Nichts drängte sich auf, nichts stand im Licht, nichts wartete. In diese Lücke, in das plötzliche Fehlen von allem, was mich eben noch angesehen hatte, trat die Stimme wieder hervor, als hätte sie die ganze Zeit hinter einem Baum gestanden.


Wie spät war es eigentlich?


Ich sah auf die Uhr, und die Zahl erschreckte mich. Ich rechnete. Ich rechnete nach. Ich rechnete ein drittes Mal, als ließe sich die Zeit durch Wiederholung verlängern. Das Licht zwischen den Stämmen war nicht mehr golden. Es war Tageslicht geworden, ohne dass ich es bemerkt hatte.


Du hast sie vertrödelt. Mit Spinnweben. Mit Vögeln, die nichts tun.

Ich hakte die Kameras am Tragegestell ein, damit sie nicht schlugen, und ging schneller. Der Weg fiel. Die Knie nahmen es auf, dann die Oberschenkel. Mein Atem wurde hörbar, und ich hörte ihn lieber als das, was er übertönte.


In den Zweigen hingen noch Netze, ich sah sie aus dem Augenwinkel. Bei den Vögeln hatte ich gewartet. Hier zählte ich. Minuten, Höhenmeter, das Weiß, das ich zwischen den Bäumen suchte und nicht mehr fand.


Unten rauschte etwas. Der Bach. Ich blieb stehen, weil man an einem Bach stehen bleibt, und sah das Wasser über die Steine ziehen, dunkel im Schatten, hell, wo es brach. Es war schön. Ich wusste, dass es schön war. Ich fotografierte es, wie man einem Bekannten zunickt, mit dem man jetzt kein Gespräch anfangen will.


Der Eltzbach fließt über flache Steine durch einen dicht bewachsenen Laubwald bei Burg Eltz. Im Vordergrund liegt eine ruhige Wasserfläche, dahinter bildet sich eine kleine Stromschnelle.

Der Weg folgte dem Wasser, das Tal wurde enger. Ich ging so schnell, dass es kaum noch Gehen war. Oben an den Hängen, zwischen den Kronen, sah ich den Nebel steigen, langsam, als hätte jemand den Topf vom Herd genommen. Er löste sich nicht auf. Er ging einfach. Er ging ohne mich.


Irgendwo vor mir, hinter der nächsten Biegung oder der übernächsten, musste sie sein.


Sie erschien, wie Dinge im Wald erscheinen: plötzlich und zu nah. Eben noch Stämme, Blätter, das Rauschen von unten, und dann stand über mir zwischen zwei Kronen eine Mauer, ein Dach, Türme, so viele Türme, als hätte jemand beim Bauen nicht aufhören können. Gelber Stein im Licht. Darüber blauer Himmel.


Blau.



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Was vom Nebel blieb, waren Fetzen. Sie zogen an den Hängen hinauf, weiß und zerrissen, und lösten sich auf, während ich hinsah. Für einen Moment war es fast schön, und das war das Schlimmste daran: fast.


Ich ging noch schneller. Der Weg stieg jetzt, Stufe um Stufe an der Mauer entlang, und ich nahm sie, als stünde oben jemand mit der Stoppuhr. Oben wusste ich es schon, bevor ich mich umdrehte. Der Nebel lag nur noch unten im Tal, ein weißer Saum um den Fuß des Felsens. Die Burg selbst stand im Klaren. Sie war vollständig da, jedes Fenster, jeder Erker, jede Schieferschuppe, genau so, wie ich sie aus den tausend Bildern kannte.



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Ich war zu spät. Nicht viel. Zwanzig Minuten vielleicht, dreißig. Vielleicht genau die Zeit, die ich unter den Vögeln gestanden hatte.


Ich fotografierte trotzdem. Von der Mauer, vom Weg, vom Rand des Platzes. Einen Turm, hinter dem noch ein letzter Rest Weiß hing. Ich suchte Standpunkte, wie man einen verlorenen Schlüssel sucht, an Stellen, an denen man schon war. Noch war es ruhig, ein, zwei Menschen am Tor, sonst niemand. Auf dem gepflasterten Zugang kniete ich mich hin, ganz tief, bis die Steine im Sucher groß wurden wie Brotlaibe und die Burg dahinter klein und steil. Vielleicht war das etwas. Vielleicht war das wenigstens etwas Eigenes.



Eine breite Kopfsteinpflasterbrücke führt zwischen hohen Steinmauern zur Burg Eltz. Die Türme ragen vor blauem Himmel auf, während letzte Nebelschwaden über den bewaldeten Hängen liegen.


Dann hörte ich sie, bevor ich sie sah. Stimmen, viele, in mehreren Sprachen zugleich, dazwischen Lachen, das Klacken von Absätzen auf Stein. Irgendwo oben mussten Busse angekommen sein, mehrere auf einmal. In einer Minute war der Platz voll. Der Tag, der für mich seit Stunden lief, begann für alle anderen erst.


Ich kniete noch, als mich jemand ansprach. Ein Mann, freundlich, das Telefon schon in der ausgestreckten Hand. Ob ich ein Foto machen könne, von ihm und seiner Frau, mit der Burg. Man sah mir an, dass ich so etwas konnte. Das passiert mir oft. Wer zwei Kameras trägt, wird an jeder Sehenswürdigkeit zum Fotografen der anderen.


Ich stand auf. Meine Knie waren nass vom Pflaster und vom Morgen. Ich nahm das Telefon, ging ein paar Schritte zurück und bat die beiden, etwas nach links zu rücken, damit die Türme ihnen nicht aus den Köpfen wuchsen. Ich machte es gut. Ich wusste, wie man diese Burg fotografiert.


Sie stellten sich auf. Er legte den Arm um sie. Sie lächelten, und hinter ihnen stand die Burg, vollständig, jede Schieferschuppe.


In diesem Augenblick schob sich mir ein anderes Bild darüber. Ein altes Foto, wie man es aus Büchern kennt: ein Mann in Tropenkleidung, das Gewehr in der Armbeuge, einen Stiefel auf dem Körper eines erlegten Tieres, und dieses Lächeln. Hier war ich. Das gehört jetzt mir.


Das Bild war ungerecht. Diese beiden hatten niemandem etwas getan. Sie waren früh aufgestanden wie ich, sie hatten eine Reise gemacht, sie freuten sich. Und trotzdem war das Bild da und ging nicht wieder weg.


Ich drückte ab, zweimal, zur Sicherheit, und gab das Telefon zurück. Sie bedankten sich herzlich, und ich lächelte. Es war kein falsches Lächeln, und es war auch kein richtiges.


Dann stand ich mitten auf dem Weg, zwischen Stimmen und Schultern, hielt meine Kamera und kam mir deplatziert vor.


Gegenüber


Mein Gesicht muss etwas verraten haben. Ein junger Mann hatte die Szene beobachtet. Wanderschuhe, Rucksack, eine Frau ein paar Schritte hinter ihm. Er sah mich an, als kenne er das. Wenn ich Ruhe suche, sagte er, solle ich ein Stück zurückgehen, den Weg, den ich gekommen sei. Dort gehe ein Pfad auf den Berg gegenüber. Steil. Aber oben sei eigentlich nie jemand.


Ich bedankte mich, ein wenig zu schnell, und ging.



Blick über das dicht bewaldete Tal des Eltzbachs bei Burg Eltz. Zwischen den grünen Berghängen ziehen letzte Nebelschwaden über die Baumwipfel.


Der Pfad war leicht zu finden und schwer zu gehen. Er stieg nicht an, er stellte sich auf. Nach zwanzig Schritten hörte ich mein Herz, nach fünfzig nur noch das. Der Schweiß lief mir in die Augen. Es war das Beste, was mir seit einer Stunde passiert war. Der Körper hatte jetzt eine Aufgabe, die einfacher war als alles, was im Kopf lag: den nächsten Tritt finden. Und den nächsten.


Oben stand eine Bank.


Niemand saß darauf. Ein Fels, ein paar Kiefern, und drüben, jenseits des Tals, die Burg. Von hier aus war sie klein und ganz, eingelassen in einen Wald, der bis an den Himmel reichte. Nebel gab es nirgends mehr. Die Stimmen vom Platz kamen hier nicht an, nur der Wind in den Kronen und mein Atem, der langsam leiser wurde. Es war der freundlichste Blick des Tages. Ich fotografierte ihn ohne Eile, zum ersten Mal seit dem Wald. Dann setzte ich mich.



Blick von einem erhöhten Felsvorsprung auf Burg Eltz, die von dicht bewaldeten Hängen umgeben ist. Im Vordergrund liegen Felsen und Bäume, darüber spannt sich ein blauer Himmel.


Ich dachte an das Paar. An den Arm um ihre Schulter, an das Telefon, das sie gleich danach hochgehalten hatten, um das Bild zu prüfen. An all die anderen, die jetzt da unten standen und dasselbe taten, viele mit dem Rücken zur Burg.


Und auf einmal sah ich es, mit einer Wucht, die mich auf der Bank festhielt. Wie leicht man einen Ort zum Beweis macht. Man reist an, stellt sich davor und hält fest, dass man da war, und dann nimmt man ihn mit, ohne ihn je an sich herangelassen zu haben. Der Ort bleibt Kulisse, und man selbst bleibt draußen. Dabei sind wir aus demselben Stoff wie dieser Fels und dieser Wald, wir sind aus ihnen hervorgegangen, und behandeln sie wie eine Wand, vor der man sich aufstellt.


Der Gedanke war so einfach, dass er mich erschütterte. Ich saß lange da.


Irgendwann nahm ich die Kamera und ging auf dem Display die Burgbilder durch, eins nach dem anderen. Der Turm mit dem letzten Weiß. Das Pflaster. Die Treppe. Ich fand keins, das ich behalten wollte. Postkarten, dachte ich. Ich bin um fünf Uhr aufgestanden, um Postkarten zu machen.


Weiter zurück blätterte ich nicht.


Der Abstieg ging schnell. Unten, im Vorbeigehen, noch ein paar Bilder von der Burg, weil man an ihr nicht vorbeigeht, ohne sie zu fotografieren. Zuletzt brach die Sonne durch die Blätter und setzte einen Stern ins Objektiv. Auch den kannte ich.


Der Rückweg hinauf zum Parkplatz war kurz und ohne Ereignis. Es war kaum noch ein Platz frei. Ich hätte umdrehen sollen, am Morgen, hier, an genau dieser Stelle. Fünfzehn Minuten. Ich hätte sie gehabt.


Ich öffnete den Kofferraum und legte die Kameras hinein, vorsichtiger, als mir zumute war.


Ich habe nichts, dachte ich.


Später


Zu Hause, am Abend, schob ich die Karte in den Rechner und sah zu, wie der Balken voranging. Er ging lange voran. Ich hatte nicht gewusst, dass ich so viel fotografiert hatte.


Zuerst kamen die Bilder von der Mosel. Auf dem großen Bildschirm waren sie kein Nebelmeer mehr, sondern Sand, grobkörnig, als hätte jemand Grieß über das Licht gestreut. Der rosafarbene Streifen war da, irgendwo darunter, aber nicht zu retten. Ich versuchte es eine Weile. Dann ließ ich es.


Danach kam der Wald, grau und unscharf, wie erwartet. Und dann kamen die Felder.


Ich hatte sie als Vorspiel in Erinnerung, als das, was man auf dem Weg zum Eigentlichen eben mitnimmt. Jetzt standen sie eins nach dem anderen auf dem Bildschirm und sahen mich an. Der Schotterweg, der ins Weiße lief. Der junge Baum mit der Sonne in den Blättern. Die Netze, schwer von Wasser. Die Vögel auf ihren drei Linien. Keines dieser Bilder war spektakulär. Zusammen aber erzählten sie etwas, das ich unterwegs nicht gehört hatte: von einem Morgen, der niemandem gehörte, ohne Türme im Hintergrund, ohne Stimmen, ohne Eile. Ich hatte jedes davon selbst gemacht, mit Sorgfalt, auf Knien, mit nassen Füßen. Ich hatte nur nicht gewusst, was ich da tat.



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Die Burgbilder kamen zuletzt. Sie waren, was ich auf der Bank gedacht hatte. Nicht schlecht, nur schon gesehen. Bis auf das Pflaster vielleicht, das ich lange ansah.



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Getröstet hat mich das nicht, jedenfalls nicht gleich. Ich war trotzdem zu spät gekommen. Die Enttäuschung ging nicht weg. Sie bekam nur Gesellschaft.



Das andere verstand ich erst im Winter, an einem Abend, an dem ich an etwas ganz anderes dachte. Auf der Bank hatte einer gesessen, der über Trophäen nachdachte und gerade von der Jagd kam. Ich hatte die Burg gewollt wie die beiden ihr Bild vor dem Tor, nur ohne Menschen davor und vielleicht mit einer Jury dahinter. Mein Gedanke dort oben war dadurch nicht falsch geworden. Er war nur unvollständig gewesen. Ich hatte „man“ gesagt und „sie“ gemeint.


Der, der am Parkplatz umdrehen wollte, ist nicht verschwunden. Er fährt jedes Mal mit. Er rechnet, er zeigt mir auf der Karte den kürzeren Weg, und ich höre ihm zu.


Dann schließe ich den Kofferraum und gehe den langen.





Essenz: Die 7-Bilder-Serie

Sieben Bilder aus einem Morgen: Aufbruch · Licht · Entdeckung · Übergang · Annäherung · Ankunft · Distanz

  • Aufbruch
  • Licht
  • Entdeckung
  • Übergang
  • Annäherung
  • Ankunft
  • Distanz

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