Das Parfum – Photohike Nideggen

von Lars-Henrik Roth
Ich war wegen des Lichts gekommen. Am Ende blieb von diesem Morgen vor allem etwas anderes zurück.
Der Morgen liefert
Kurz nach sechs rollte ich auf den Parkplatz am Nationalpark-Infopunkt Zerkall. Es war noch dunkel. Ein paar Camper standen am anderen Ende des Platzes, kein Licht brannte in ihnen. Als ich die Autotür öffnete, kam kühle Luft herein. Kalt genug, dass man wusste, welche Jahreszeit gerade anfing.
Ich nahm mir Zeit für die Ausrüstung. Akkus, Karten, Stativ, die Kamera an den Gurt, das Tele in die Seitentasche. Ich wusste, dass ich mich beeilen sollte, und machte es trotzdem in der gewohnten Reihenfolge.
Dann die Stirnlampe, und los.

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Die ersten Schritte auf der Rurbrücke ließen mich zusammenzucken. Die Holzbohlen gaben jeden Schritt zurück, lauter, als mir um diese Zeit lieb war. Der Lichtkegel der Lampe fuhr über den Boden und machte etwas sichtbar, das ich mit bloßem Auge nicht gesehen hätte: feine Schleier, knapp über dem Weg, die sich beim Durchgehen teilten. Das ließ hoffen.
Ich kannte den Weg. Ich war lange nicht mehr hier gewesen.
Hinter Gut Laach öffneten sich die Weiden, und da war er. Kein Dunst. Richtiger Talnebel, weiß, in Bändern über dem Gras, so dicht, dass die Bäume am anderen Ende nur noch Umrisse waren. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Wetterkarten hatten tiefe Wolken versprochen, nichts von Nebel gesagt.
Für das Stativ war keine Zeit. Ich schob die ISO hoch, bis die Zeiten standen, und arbeitete aus der Hand. Man kann darüber streiten, ob das eine gute Entscheidung ist. In diesem Moment war es die einzige.
Am Horizont lag schon ein schmaler goldener Streifen und leuchtete die Wolken von unten an, die von Westen heranzogen. Das hieß: gehen.
Der Weg zog an. Ich hatte die Höhenmeter wieder nicht richtig gelesen, so wie fast immer, wenn ich eine Route als bekannt abhake. Während mein Atem schneller ging, hörte ich unten im Tal das Horn der Rurtalbahn, gedämpft durch den Nebel, in dem ich gerade noch gestanden hatte. Je höher ich kam, desto mehr blieb der Nebel unter mir. Es wurde heller. Es wurde klarer. Und erst hier oben fiel mir auf, wie viele Bäume schon ins Herbstkleid gegangen waren.
Ich kam später an der Christinenley an, als ich wollte. Aber ich kam rechtzeitig.
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Kein Morgenrot. Keine Flammen über dem Tal, keine großflächig vergoldeten Wolkenbänke. Das Licht war da, es war warm und es war ruhig, aber es war kein Ereignis. Ich hatte nichts verpasst, was ich hätte bedauern müssen.
Als ich zur Felsspitze vorging, stand sie da, wo sie immer steht. Die kleine Kiefer an der Kante. Ich habe sie oft fotografiert, über Jahre, und sie ist in dieser Zeit nicht größer geworden. Sie wächst nicht in die Höhe. Ihre ganze Kraft geht in etwas anderes: sich zu halten. Die Wurzeln liegen offen auf dem Sandstein und greifen in Spalten, die kaum breiter sind als ein Finger.

Ich fotografierte sie wieder. Ich kletterte über die Felsen, um sie von der Seite zu bekommen, wo das Tal hinter ihr aufgeht. Ich legte mich hin, weil sie von unten größer wirkt, als sie ist. Sandstein unter den Unterarmen, kalt und rau, an den Ellenbogen der Griff des Kameragurts.
Dann hatte ich, was ich wollte.
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Sitzen
Ich setzte mich auf die Bank. Die Bilder waren gemacht. Sonst treibt mich an solchen Morgen etwas weiter, noch ein Standort, noch ein Licht, das gleich besser sein könnte. An diesem Morgen nicht. Unter mir lag das Rurtal, der Nebel hatte sich in die Wiesen zurückgezogen, und auf den Hängen gegenüber standen einzelne Bäume schon rot. Ich sah hin, ohne etwas damit zu wollen.
Ich saß eine Weile.
Dann roch ich das Harz. Es kam von den Kiefern hinter mir, dicht und warm, und es war das erste Mal seit Monaten, dass ich es roch. Den ganzen trockenen Sommer über hatte es das nicht gegeben.
Der Wald roch wieder
Der Weg führte von der Felskante weg, tiefer in den Wald hinein, auf die Nordseite, wo der Boden feucht blieb. Hier lag schon viel Laub. Nicht das trockene Laub eines heißen Sommers, das raschelt und bricht, sondern schweres Laub, das am Boden klebt und nachgibt.
Es roch. Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll. Der ganze Hang roch nach nassem Herbstlaub, und ich ging langsamer, weil das Gehen mit diesem Geruch ein anderes Gehen war als noch im Juli.
Später, als die Sonne höher stand und in den Wald kroch, wurde es mehr. Der Boden wärmte sich auf, und aus dem Laub kam Pilzgeruch, aus den Stämmen kam Holzduft, und über allem lag wieder das Harz. Drei Dinge auf einmal.
Ich kenne diesen Geruch seit ich klein bin, aber ich rieche ihn nicht oft genug, um mich an ihn zu gewöhnen. Ich musste ihn nicht einordnen. Er war da.
Ich fotografierte weiter. Nasse Blätter, Nahes, Dinge am Boden. Die Bilder wurden kleiner.
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Irgendwann sagte das Handy in meiner Tasche an, ich hätte den Aussichtspunkt „Rurtalpanorama“ erreicht. Der Wald öffnete sich, und unten im Tal lag ein Campingplatz, direkt gegenüber, in voller Breite. Wohnwagen in Reihen, Vorzelte, Autos zwischen den Parzellen. Im Vordergrund die Felsen, die knorrigen Bäume, alles, was man sich wünscht. Dahinter ein Feldlager, wie von einer Armee.
Ich musste schmunzeln und ging weiter.
Am nächsten Ausblick war es dasselbe. Ich hob die Kamera gar nicht erst.
Der Weg führte wieder zurück an die Felsen, und ich machte dort noch Aufnahmen, größere Kiefern diesmal, eine mit der Burg im Hintergrund. Das Licht war inzwischen hart. Es war nicht mehr der Morgen, es war schon Tag.
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Der Wind nahm den Moment
Der Wind kam gegen Mittag auf, erst in Böen, dann stetig. Die Äste über mir knarrten. Und mit dem Wind war der Geruch weg, von einem Wegstück zum nächsten. Die Luft roch nach nichts mehr.
Gleichzeitig zog der Himmel zu. Das Licht wurde flach und grell, der Wald verlor seine Tiefe, die Blicke ins Tal wurden leer. Ich ging schneller, nicht aus Ärger. Der Morgen hatte seine Phase gehabt, und die Phase war vorbei.
Der Abstieg ins Rurtal ging über breite Wege. Für mich war der Tag fotografisch erledigt, am Ufer gab es nichts mehr, was ich gebraucht hätte.
Und dann roch das Wasser. Die Rur roch frisch, nach Fluss, nach etwas, das fließt. Vor ein paar Wochen war ich am Rhein gewesen, bei Niedrigwasser, und dort hatte es faulig gerochen, nach warmem Stehen. Hier nicht. Hier roch es nach Bewegung.

Auf dem Parkplatz war ich in den Morgen der anderen geraten. Autos mit Anhängern fuhren auf, Kanus wurden abgeladen, Leute begrüßten sich laut über die Dächer hinweg. Motoren liefen im Leerlauf, während jemand einen Riemen löste. Es roch nach Abgas.
Ich packte die Kamera weg, zog die Schuhe aus, setzte mich auf die Ladekante. Die anderen fingen gerade an.
Was von diesem Morgen geblieben ist, ist vor allem der Duft. Merkwürdigerweise.
Essenz: Die 7-Bilder-Serie
Sieben Bilder aus einem Morgen: Nebel - Beharren - Enge - Kante - Wald - Feuchte - Fluss
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Der Weg
Die Route: Aufzeichnung, Höhenprofil und praktische Hinweise findest du bei Komoot. Hier kannst du die Route auf Komoot öffnen.
Mehr entdecken
Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.
Wenn dich dieser Photohike berührt hat oder du eine Frage zur Tour hast, schreib mir gern direkt per E-Mail oder über das Kontaktformular.
© Lars-Henrik Roth / Wanderspezi® – the Photohiker. Texte und Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Urheberrecht. Eine Nutzung ohne vorherige Zustimmung ist nicht gestattet.




