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Auf dem Trockenen – Photohike Erpel am Rhein

  • Autorenbild: Lars-Henrik Roth
    Lars-Henrik Roth
  • vor 9 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

Die Navi-App sagte mir, dass ich mitten im Rhein stand. Um mich herum nichts als Geröll. Ein Buchenwald, in dem es nach nichts roch, und ein Plateau, von dem aus alles in Ordnung aussah.

Was die Webcams nicht zeigten


Seit Juni hatte es kaum geregnet. Die Hitzewelle stand über dem Land wie etwas, das nicht mehr weiterzieht. Keine Wolken für eine Himmelsröte, kein Nebel am Morgen, weil der Boden so trocken war, dass sich selbst dort nichts bildete, wo Temperatur und Taupunkt sich berührten.


Vom Rhein las ich anderes. Niedrigwasser, wie es das noch nicht gegeben hatte. Fährverbindungen eingestellt. Schiffe, die nur noch mit halber Ladung fahren durften. In den sozialen Netzwerken kursierten Bilder von Flussbetten, die aussahen wie Steinbrüche.


Ich sah mir die Webcams an. Und der Rhein sah aus wie immer. Fast wie immer. Ein Streifen mehr Ufer vielleicht, schwer zu sagen bei dieser Auflösung. Von oben war jedenfalls nichts zu erkennen, das nach Ausnahmezustand aussah.


Also plante ich eine Route, die beides hatte: den Blick von der Wasserlinie und den Blick von der Erpeler Ley. Wenn der Verlust nur in der Nähe sichtbar wäre, wollte ich nah rangehen. Und dann wieder weit weg.


Immer noch sehr breit


Um halb vier stand ich auf und schaute noch einmal in die VIEWFINDER-Daten. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es hatte sich nichts entwickelt in der letzten Stunde. Keine Röte, keine goldenen Wolken, kein Nebel. Es würde einfach hell werden.


Halb sechs. In Erpel stand ein einziges Auto auf dem Parkplatz gegenüber dem Hotel zur Brücke. Als ich ausstieg, war es kalt, vielleicht zehn Grad, und ich war froh um den Fleecepulli. Ein paar Probeaufnahmen, dann hatte ich die Ausrüstung angelegt.


Hinter dem Parkplatz kämpfte ich mich durch Unkraut und niedriges Gestrüpp zum Wasser hinunter. Die Erwartung war groß.


Rostiges Metallstück auf Steinen am freigelegten Rheinufer bei Erpel im Licht der Morgendämmerung, im Hintergrund der ruhig fließende Rhein.

Der Uferstreifen war breiter als sonst. Das sah man. Aber die Fahrrinne war immer noch sehr breit. Ich stand da und dachte: Das soll es sein? Das soll das extreme Niedrigwasser sein, von dem alle schreiben?


Ich hatte mir das anders vorgestellt. Größer. Deutlicher.


Der Fluss riecht


Was mir dann sofort auffiel, war die Stille. Der Rhein lag glatt vor mir, kein Plätschern, keine Welle. In einiger Entfernung zwei Lastkähne, die hier offenbar die Nacht über geankert hatten. Am Horizont ein feiner Streifen Morgenröte, mehr nicht. Trocken, wie alles an diesem Morgen.


Ich machte mich auf Richtung Unkel.


Das Gehen über das Geröll war anstrengend. Eher ein Stolpern von Stein zu Stein, wie auf einem alpinen T3, wo man sich den Pfad erst suchen muss. Ich ärgerte mich, dass ich die Bergstiefel nicht mitgenommen hatte. Nach einer Weile fand ich einen Rhythmus, der Puls stieg, mir wurde warm.


Ganz vorn an der Wasserlinie war der Fluss plötzlich da. Nicht im Bild — im Geruch. Brackig, fischig, nach faulenden Algen. Kein angenehmer Geruch. Aber das erste an diesem Morgen, das lebte.


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Kaum hatte ich ihn gerochen, sprang gegenüber der Motor des Lastkahns an. Der Diesel brummte tief über das Wasser. Ketten begannen zu rasseln, die Anker wurden eingezogen. So kam das Geräusch zum Geruch, während die Sonne langsam anfing, den Himmel zu färben.


Was auf dem Grund liegt


Vorsichtig setzte ich die Füße, den Blick auf dem Boden. Die Uferpromenade war jetzt fünfzehn, zwanzig Meter von mir entfernt und lag deutlich über mir. Zwischen den Steinen lag Zeug, das nicht hierher gehörte und doch schon lange hier lag.


Keramik, bunt bemalt, mit Mustern, die niemand mehr so macht. Eisen in Formen, die nicht mehr erkennen ließen, wofür sie einmal gedacht waren. Muscheln in den Zwischenräumen.


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Dann ein Kinderfahrrad. Völlig verrostet, halb bedeckt von vertrockneten Algen. Nur die weißen Plastikpedale leuchteten im Morgenlicht, als wären sie gestern verloren gegangen.


Ich blieb länger, als ich vorhatte.


Mitten im Fluss


Dann kam ich um eine Flussbiegung, und da war es.


Der Fluss war weg. Irgendwo links neben mir, nicht mehr vor mir. Vor mir lag eine Wüste aus Geröll, die kein Ende hatte, jedenfalls keines, das ich von hier aus sehen konnte. Ich wandte mich nach links und ging bis zur Wasserkante.


Die Navi-App sagte mir, dass ich mitten im Rhein stand.


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Ich sah nach hinten. Die Uferpromenade war nur noch zu erahnen, eine Linie über dem Geröll, weit weg. Und ich stand hier auf Steinen, die vermutlich seit Jahrzehnten kein Mensch gesehen hatte.


Hier kann kein Schiff mehr fahren.

Der Gedanke kam ohne Zweifel. Er war kein Schluss, den ich zog, er war einfach da, so klar wie der Boden unter den Sohlen. Wer hier steht und das Wasser kaum noch findet, weiß, dass hier nichts mehr durchkommt.


Ich machte meine Bilder. So schnell würde ich das nicht wieder sehen. Oder vielleicht doch? Seit Juni hatte es kaum geregnet, und wir hatten Anfang August. Der Sommer war noch lange nicht vorbei.


Gegen acht wandte ich mich wieder Richtung Promenade. An einer alten Eiche, die erkennbar sonst dicht am Wasser steht, machte ich die erste Rast. Die Sonne stand jetzt schon recht hoch.


Als ich wieder oben auf der Promenade war, auf festem Boden, warf ich einen langen schwarzen Schatten über den Asphalt. Zügig ging ich weiter Richtung Unkel. Die ersten Leute kamen mir entgegen, mit Hunden.


Ein Schiff in Unkel


Unkel schlief noch. Ein Bäcker hatte geöffnet, aber es war keine Menschenseele zu sehen. Dann setzte irgendwo das Glockengeläut ein und begleitete mich durch die leeren Gassen.


Ganz am Ende der Stadt ging ich zurück ans Ufer.


Ich wollte die Unkelsteine sehen. Aber da war nichts, was sich hätte fotografieren lassen. Ich stand am Wasser, die Kamera in der Hand, und suchte etwas, das nicht da war.


Und dann fuhr ein Schiff vorbei.

Ein Frachter, mittlere Größe, mit Ladung. Er kam von rechts, zog langsam an mir vorbei und war eine Weile später hinter der Biegung verschwunden. Das Wasser schlug danach ein paarmal gegen die Steine, dann war es wieder still.


Es war das erste vorbeifahrende Schiff, das ich an diesem Morgen sah. Der Kahn von vorhin war rheinaufwärts weggefahren, in die andere Richtung, außer Sicht.


Ich stand noch eine Weile da.


Vor einer Stunde hatte ich auf einer Geröllfläche gestanden und mit vollständiger Sicherheit gewusst, dass hier kein Schiff mehr fahren kann.


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Ein Wasserfall mit Bänken


Ich drehte um und machte mich auf den Weg in den Naturpark.


Kaum war ich in den Wald eingetaucht, noch an der Landstraße, stand ich vor der Kaskade von Unkel. Ein Wasserfall, der über eine Felswand in ein gemauertes Becken stürzt und ordentlich rauscht. Daneben ein Parkplatz und zwei Bänke.


Ich musste schmunzeln. Nach drei Stunden an einem Fluss, der sich zurückgezogen hatte, war das erste laufende Wasser des Tages eingefasst, beschildert und mit Sitzgelegenheit versehen. Es kommt aus einem Staubecken weiter oben. Es fließt, weil jemand dafür gesorgt hat.


Ich machte trotzdem ein Bild.


Direkt daneben begann der Weg in den Naturpark Rhein-Westerwald.


Kleiner Wasserfall im schattigen Wald bei Unkel, der über eine moosbewachsene Felswand in ein flaches Becken fällt.

Der Wald ohne Geruch


Der Weg zog sofort an. Kein Vorlauf, kein flaches Stück — er stieg vom ersten Meter. Mein Atem kam in Bewegung, der Schweiß lief den Rücken hinunter, und ich merkte, dass ich seit halb vier auf den Beinen war.


Endlich eine Bank. Ich machte Halt, zog den Fleecepulli aus und setzte mich.


Und dann bemerkte ich die Stille.


Kein Vogel. Kein Rascheln im Unterholz. Kein Knacken, kein Wind in den Kronen. Ich saß in einem alten Buchenwald an einem Sommermorgen, und es war nichts zu hören.


Ich blieb sitzen und horchte weiter, so wie man nachhorcht, wenn man glaubt, ein Geräusch überhört zu haben. Es kam nichts. Nur das Blut rauschte in meinen Ohren.


Und während ich lauschte, wurde eine zweite Wahrnehmung immer deutlicher: Es roch auch nach nichts.


Ein Buchenwald im August riecht. Nach Laub, nach Erde, nach Pilzen, nach dem feuchten Zeug unter der Streu. Ich saß mitten drin und bekam nichts. Als hätte jemand die Luft ausgetauscht.


Ist das das Aroma der Wüste? Nichts?


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Am Rhein hatte mich der Geruch zurückgeholt. Brackig, fischig, unangenehm, aber lebendig. Hier fehlte er. Es fühlte sich an, als wäre ich in eine synthetische Parallelwelt geraten, in der alles aussieht wie ein Wald, aber nichts von dem passiert, was ein Wald tut.


Ich ging weiter, den Blick jetzt auf dem Boden.


Da lagen zwei Dinge übereinander, die nicht zusammengehörten.


Unten das braune Laub des Vorjahres, zertreten, fast zu Staub zerfallen. Und darüber frisch gefallene Blätter, manche noch leicht grün, als hätte sie der Baum vorzeitig abgeworfen.


Anfang August.


Ich blieb stehen und sah das eine Weile an. Am Rhein hatte ich sehen können, wie viel Wasser fehlt. Hier fehlte es auch. Nur konnte man es nicht sehen. Die Bäume standen grün und aufrecht wie immer.


Weiter oben dann verdorrte Brombeeren am Wegesrand und die Mumien von Brennnesseln, braun und eingerollt. Dahinter, keinen Meter entfernt, üppiges Grün.


Ein Bild, zwei Zustände.


Lang zog sich der Aufstieg auf die Erpeler Ley.


Alles in Ordnung


Dann öffnete sich die Landschaft zu einem Plateau.


Trockenes, goldgelbes Gras auf dem Plateau der Erpeler Ley mit einer einzelnen Eiche und Blick hinunter auf den Rhein.

Eine Steppe aus vertrocknetem Gras, golden bis an den Rand, und mittendrin das hoch aufragende Gipfelkreuz. Am Geländer hunderte Vorhängeschlösser, dicht an dicht, bunt.


Ich war auf der Erpeler Ley.


Zügig ging ich auf den Rand zu.


Und da lag der Rhein.


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Ein blaues Band, unten im Tal, ruhig zwischen Unkel und Remagen. Ein Frachter zog flussabwärts, mit Ladung, eine feine Spur hinter sich. Am rechten Ufer eine helle Linie, wo das Wasser zurückgegangen war. Man musste sie suchen.


Ich suchte länger. Irgendwo dort unten musste die Fläche liegen, auf der ich vor drei Stunden gestanden hatte. Ich fand eine Kiesbank, breiter als üblich, ein heller Streifen an der Innenseite der Biegung.


Das war sie.


Von hier oben sah sie nur aus wie eine Kiesbank.


Blick von der Erpeler Ley auf den Rhein mit breiten freigelegten Kiesflächen und einem Frachtschiff in der verbliebenen Fahrrinne.

Nichts an diesem Bild verlangte Aufmerksamkeit. Der Fluss floss, wie er seit Jahrtausenden fließt. Die Schiffe fuhren. Die Ufer waren an einer Stelle etwas breiter als sonst, so wie Ufer eben mal breiter und mal schmaler sind.


Ich stand am Zaun und sah nach unten und wusste, was da liegt. Das Geröll bis zum Horizont. Der Geruch. Das Kinderfahrrad mit den weißen Pedalen. Die Steine, die jahrzehntelang niemand gesehen hatte.


Von hier war davon nichts übrig als ein heller Streifen.


Hinter mir das goldene Gras, knöcheltief und vollständig ausgetrocknet, und eine einzelne Eiche, die grün stand.


Abstieg


Ich blieb noch eine Weile.


Dann stieg ich langsam wieder hinab zum Parkplatz. Es war heiß geworden, die Sonne stand hoch, es würde wieder ein Tag über dreißig Grad werden. Auf dem Weg nach unten kamen mir die ersten Wanderer entgegen, kurze Hosen, Wasserflaschen, fröhliche Gespräche.


Ich hatte an diesem Morgen zweimal auf denselben Fluss geschaut. Unten war ich sicher gewesen, dass hier nichts mehr durchkommt. Oben war ich mir sicher, dass alles in Ordnung ist.


Beides konnte nicht wahr sein. Und doch hatte ich beides gesehen.




Essenz: Die 7-Bilder-Serie

Sieben Bilder aus einem Morgen: Ordnung, Verlust, Fund, Dürre, Normalität, Steppe, Störung


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Der Weg

Die Route: Aufzeichnung, Höhenprofil und praktische Hinweise findest du bei Komoot. Hier kannst du die Route auf Komoot öffnen


Mehr entdecken

Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.


Alle Bildserien zu den Photohikes findest du  HIER und auf Flickr.

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© Lars-Henrik Roth / Wanderspezi – the Photohiker. Texte und Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Urheberrecht. Eine Nutzung ohne vorherige Zustimmung ist nicht gestattet.

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