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Wo der Vulkan schläft – Photohike Ettringen

  • Autorenbild: Lars-Henrik Roth
    Lars-Henrik Roth
  • vor 1 Tag
  • 7 Min. Lesezeit

Die Vulkaneifel sieht nicht nach gefährlichem Vulkan aus. Wer hierher kommt und Spuren von Feuer, Asche und sichtbarer Gewalt erwartet, findet stattdessen: Wald, Frühlingsblüten, friedliche Wege, ein paar moosbewachsene Felsen. Alles schön. Alles ruhig. Alles aus Material, das einmal gebrannt hat. Eine Suche. Von Lars-Henrik Roth

 

I. Der Schreibtisch

Ich räumte meinen Schreibtisch auf, als mir eine Zeitschrift in die Hände fiel. Die Eifel. Ich blätterte – und blieb hängen. Ein Artikel über das Ulmener Maar, jene beinahe kreisrunde Senke im Vulkanfeld der Eifel. Entstanden vor rund 11.000 Jahren. Die jüngste Eruption der Region.


Geologisch: gestern.


Ich las weiter, und vor meinem inneren Auge formierten sich Bilder: glühende Lava, die sich hangabwärts schiebt. Pyroklastische Ströme, die alles einäschern, bevor der Mensch auch nur begreift, was kommt. Die Ruinen von Pompeji. Asche, die sich über Täler legt wie ein schweres Schweigen. Wo hatte ich solche Spuren je in der Eifel gesehen?


Ich schloss die Zeitschrift. Ging online.


Die Sandkaul-Höhlen – schon oft war ich vorbeigefahren, ohne anzuhalten – liegen am Fuß des Hochsteins. Ein Vulkankegel, der vor rund 200.000 Jahren genau einmal ausbrach. Seither schläft er. Das Gestein: poröser Tuff.


Der Tuffstein, aus dem viele alte Eifelhäuser gebaut sind, ist erkaltete Asche. Erkaltete Asche. Der Boden, auf dem wir gehen, ist Asche. Die Mauern der Häuser sind Asche. Das Fundament der Felder ist Asche.


Eine Frage drängte sich auf: Sieht man die Spuren dieser Gewalt noch? In der Vulkaneifel liegt die jüngste bekannte Eruption – das Ulmener Maar – gerade einmal 11.000 Jahre zurück. Geologisch ein Wimpernschlag. Die Welt, die wir kennen, hatte noch nicht begonnen.


Ich notierte den Photohike für den 2. Mai.

 

II. Ankunft und erste Ernüchterung

Es war noch fast dunkel, als ich am Parkplatz ankam. Die letzte Dämmerung lag über der Landschaft wie Hauch, der noch nicht verschwinden wollte. Ich trat auf die Höhlen zu. Tiefschwarz gähnten die Löcher im porösen Gestein.


→ Zum Entdecken wischen

Ich wartete auf das Gefühl von latenter Gefahr.


Tiefe. Alter. Irgendeine Ahnung von dem, was hier einmal gewesen war.


Nichts davon kam. Stattdessen kniete ich mich hin und streckte die Hand aus. Das Gestein war so porös, dass die Finger fast hineinsinken konnten, wie ein harter Schwamm. Kalt seit Jahrtausenden. Ich beugte mich hinunter und zwängte mich mit der Ausrüstung in die Höhle. Sie war nicht tief, kurze miteinander verbundene Gänge. Plötzlich fehlte jede Farbe. Alles grau: graue Wände, grauer Splitt der Boden. Ich war auf dem Mond.


Innenansicht einer Sandkaul-Höhle bei Ettringen mit grauem Splittboden, rauen porösen Tuffwänden und einer dunklen schmalen Öffnung im Hintergrund.

Faszinierend. Aber nicht erschütternd.


Dann kam die Sonne. Nicht zögerlich, nicht mit jener langen Weichheit, die man sich an solchen Morgenstunden wünscht. Es war wie ein Lichtschalter. Hart, direkt – und was vorher schwarz und gähnend gewirkt hatte, wurde auf einmal unscheinbar. Ich richtete die Kamera aus. Ich versuchte die Öffnungen in Szene zu setzen. Nichts. Das Gestein sah aus wie Gestein. Das Loch sah aus wie ein Loch. Was das Ganze faszinierend machte – dieses Gefühl in den Fingern, dieser Gedanke an Asche – ließ sich nicht fotografieren.


Ich steckte die Kamera weg. Ich stieg hoch.


Der Aufstieg zum Hochstein war steil und kurz. Bevor ich in den Wald eintrat, schoss ich ein Panorama. Friedliche Kulturlandschaft. Kein Island. Kein Feuerland. Kein Pompeji.


Im Wald dann Vogelstimmen von allen Seiten. Ein Berg, der den Umriss eines Vulkankegels noch in sich trägt, aber der seine Geschichte längst unter Vegetation und Humus begraben hat.


Waldweg bei Ettringen im warmen Morgenlicht, mit tief stehender Sonne als Stern zwischen den Bäumen und langen Schatten auf dem Weg.

Die Zeit hatte hier gründlich aufgeräumt.


Dann die Genoveva-Höhle. Ordentlich, touristisch, kein Geheimnis. Kurz dahinter die ersten echten Tuffsteinfelsen, die sich über den Pfad aufrichteten – für einen Moment war der Stein mehr als Kulisse. Ich blieb stehen, richtete den Blick auf die Felswand. Auch hier: Keine Spur von Feuer.

Dann wieder Wald, Blüten, Vogelzwitschern.


Eine schöne Wanderung, dachte ich. Wirklich schön. Aber keine wirkliche Begegnung mit dem, was ich gesucht hatte.

 

III. Marxe Ley

Dann tauchte ein Abzweig auf. Ein kleines Schild: Marxe Ley.


Zunächst war auch dieser Weg ein Frühlingsweg. Grünes Licht durch junges Laub, feuchte Erde, der Geruch von Wachstum. Dann veränderte sich etwas. Plötzlich sank der Pfad in die Tiefe ab. Felsbrocken drängten aus dem Boden. Die Baumwurzeln krallten sich in das Tuffgestein – nicht als Schmuck, sondern als Kampf. Der Pfad wurde enger. Die Wände rückten zusammen.


Mehrere Bäume wachsen mit freiliegenden Wurzeln über hellem Tuffstein im Wald bei Ettringen, umgeben von Moos, Laub und dichtem grünem Blätterdach.

Und dann stand ich im Kessel des alten Steinbruchs Marxe Ley.

→ Zum Entdecken wischen


Hier wurde kein Licht verschwendet. Die steilen Tuffwände ließen kaum etwas vom Himmel hindurch. Es war kühl, feucht, still – eine andere Stille als draußen im Wald. Selbst die Vögel schwiegen.


Und an den Wänden: die Struktur der Ablagerungen. Sichtbar, deutlich, in horizontalen Schichten. Ausbruch um Ausbruch, Asche auf Asche, jede Schicht ein Moment, den niemand beobachtet hat. Verdichtet, überlagert, erstarrt.


Blick in den alten Steinbruch Marxe Ley bei Ettringen mit hohen Tuffsteinwänden, schmalem Pfad, grünem Bewuchs und einer Sitzgruppe im Hintergrund.
Marxe Ley

Ich blickte nach oben. Am Rand des Kessels, ganz oben über diesen Schichten: ein dünner Streifen Erde. Humus. Von hier unten wurde sichtbar, wie hauchzart die Schicht des Lebens über der alten Asche ist.


Wo die Luft einst glühte, war es jetzt kühl und feucht. Wo einst Asche und Hitze die Erde formten, wuchs jetzt Farn und Moos.


Ich stand eine Weile. Dann ging ich wieder hinaus.

 

IV. Zeichen auf dem Rückweg

Die Geschichte hatte sich mir für einen Moment enthüllt, um mir dann wieder die Harmlosigkeit der Gegenwart zu zeigen.


Zurück auf den Waldpfaden: Tuffsteinwände, immer wieder. Weitere kleine Steinbrüche, die den Fels enthüllt hatten, von Moos und Flechten längst eingeholt. Die Schichten waren auch hier zu lesen. Sie hatten jetzt meine Aufmerksamkeit.


Dann der Erlenbrunnen. Wasser, das aus der Erde quoll – rostrot verfärbt, mit einem mineralischen Schimmern im Austritt. Eisenhaltiges Wasser, das seine Herkunft in der Farbe trägt. Ich trank. Das Wasser schmeckte aromatisch.



Direkt dahinter: ein Moor. Stege über dunkles Wasser, Schilf zu beiden Seiten. Eine andere Welt, für ein paar Minuten.


Wieder hoch, wieder Wald. Und dann, nahe dem Weg: ein Mühlstein. Groß, zerbrochen, moosüberwachsen, halb in den Boden versunken. Rätselhaft, wie er hierher kam. Über den Hochstein führte einst eine alte Route – vielleicht riss der Stein auf dem Transport, ein einziger Bruch, und aus Wert wurde Abfall. Die Menschen haben den Basalt zu Mühle und Schleifstein gemacht – die glühende Gewalt des Untergrunds, verwandelt in Werkzeug. Sie kannten den Ursprung nicht.

 

Moosbewachsener, zerbrochener Mühlstein im Wald am Hochstein bei Ettringen, halb im Laub versunken, mit grünen Buchen und einem alten Wegweiser im Hintergrund.
Zerbrochener Mühlstein im Wald

V. Rückkehr und Schluss

Am Parkplatz stand die Sonne hoch. Das Licht war unerbittlich klar. Die Sandkaul-Höhlen, die morgens im Zwielicht so schwarz und tief gewirkt hatten, sahen jetzt aus wie ein abenteuerlicher Spielplatz. Wanderer kamen mit Kindern. Jemand zog einen Stein aus dem Boden, betrachtete ihn kurz – und steckte ihn in die Tasche.


Ich stand davor und sah sie an. Diese kleinen, harmlosen Öffnungen im Hang. Eine Landschaft, die sich gibt wie ein guter Nachmittag. Keine Drohgebärde. Kein Zeichen.


Ettringen verstört nicht, weil es bedrohlich aussieht. Es verstört, weil es das nicht tut. Die Fotos zeigen Wald, Licht, rostrotes Quellwasser, einen friedlichen Weg. Alles ist geworden, alles wächst, alles lebt. Aber das Material, aus dem dieser Wald gewachsen ist, ist Asche. Das Gestein unter diesem Humus ist erkaltete Gewalt. Die Quelle filtert sich durch Schichten, die einmal geflossen sind. Der Mühlstein im Wald war einmal glühende Lava.


Das Ulmener Maar liegt dreißig Kilometer entfernt. Die jüngste Eruption der Eifel – und Geologen sprechen darüber nicht nur im Vergangenheitstempus. Die Vulkane sind nicht kalt. Sie schlafen. Nach drei Generationen vergisst die Menschheit.


Die Vergangenheit ist nicht verschwunden. Sie ist Material geworden: Boden, Fels, Weg, Quelle, Wald, Humus, Blüten, Mühlstein.


Nichts deutet an, dass tief unter mir eine alte Macht schläft.


Die Bilder zeigen den Frieden. Das Video öffnet für einen Augenblick die Erinnerung an das Feuer.


KI-generierte Visualisierung nach einer Idee des Autors.


Service-Informationen

 

🌟 Höhepunkte

  • Sandkaul-Höhlen im frühen Licht – keine tiefen Grotten, aber ein starker Einstieg in das Thema: poröser Tuff, dunkle Öffnungen, erste Enttäuschung und erste Frage.

  • Marxe Ley – der stärkste Ort des Photohikes: ein versteckter alter Steinbruch, kühle Tuffwände, sichtbare Schichten und der Moment, in dem die Landschaft plötzlich lesbar wird.

  • Erlenbrunnen – rostrot gefärbtes, eisenhaltiges Wasser als leises geologisches Zeichen im Wald.

  • Wurzeln über Tuffstein – ein starkes Bild für das zentrale Thema der Tour: Leben wächst über vulkanischem Material.

  • Mühlstein am Hochstein – ein stiller kulturhistorischer Fund: Basalt, menschliche Arbeit, Bruch, Wertverlust und Rückkehr in den Wald.

  • Vulkanlandschaft vom Hochstein – friedliche Eifel-Weite als Schlussbild: eine Landschaft, die nichts Bedrohliches zeigt und gerade dadurch nachwirkt.

📷 Fototipps unterwegs

  • Früh starten: Die Sandkaul-Höhlen wirken vor Sonnenaufgang und in der letzten Dämmerung deutlich stärker als im harten Tageslicht.

  • Nicht auf Spektakel warten: Die Tour lebt nicht von dramatischen Kratern oder großen Aussichten, sondern von kleinen geologischen Zeichen: Tuff, Schichten, porösem Gestein, Quellen, Wurzeln.

  • Ultraweitwinkel bewusst einsetzen: In Höhlen, Hohlwegen und Steinbrüchen lohnt eine tiefe Perspektive. Nah an den Stein gehen, damit Raum, Enge und Material spürbar werden.

  • Auf harte Kontraste achten: Bei Sonne entstehen schnell ausgefressene Lichter und tiefe Schatten. Lieber auf die hellen Bereiche belichten und die Dunkelheit bewusst stehen lassen.

  • Details mit dem Tele suchen: Schichten im Tuff, Flechten, Wurzeln, Moos, Wasserfärbungen und der Mühlstein funktionieren oft besser verdichtet als in der Gesamtansicht.

  • Marxe Ley Zeit geben: Nicht nur durchgehen. Der Ort braucht ein paar Minuten, bis sich seine Schichtung, Kühle und Stille entfalten.

💡 Besonderer Tipp

Die Tour wirkt auf den ersten Blick weniger spektakulär, als ihre geologische Geschichte vermuten lässt. Genau deshalb lohnt es sich, die Erwartung bewusst loszulassen. Wer hier nur nach Vulkan-Drama sucht, wird enttäuscht. Wer aber beginnt, das Material zu lesen – poröser Tuff, rostrote Quelle, Wurzeln im Stein, dünner Humus über alter Asche –, entdeckt eine Landschaft, deren eigentliche Spannung unter der friedlichen Oberfläche liegt. Noch ein Hinweis: Die Tour folgt weitestgehend dem"Traumpfad Vier-Berge-Tour".

🏆 Bewertung Photohike Ettringen

Kategorie

Wertung (1-10)

Kommentar

Fotowert

8,4

Mehrere starke Einzelbilder, vor allem Waldlicht, Marxe Ley, Sandkaul, Naturkampf und Vulkanlandschaft. Kein spektakulärer Hero-Spot, aber eine sehr gute visuelle Grundlage für eine erzählerische Serie.

Motivdichte

7,8

Die Tour hat klare Höhepunkte, aber auch längere Waldpassagen und kleinere, unscheinbare Steinbrüche. Fotografisch trägt nicht jeder Abschnitt gleich stark.

Erlebniswert

8,2

Als Wanderung schön und abwechslungsreich, als Photohike vor allem durch die gedankliche Tiefe stark. Die eigentliche Wirkung entsteht aus Erwartung, Ernüchterung und späterer Erkenntnis.

Zugänglichkeit / Sicherheit

8,1

Gut machbar, aber mit steileren Abschnitten, schmaleren Wegen, Hohlwegen und teils unebenem Gelände. Feste Schuhe und Trittsicherheit sind sinnvoll.

Gesamteindruck

8,3

Kein klassischer Spektakel-Hike, sondern ein leiser, reifer Photohike über verborgene Geologie, friedliche Oberfläche und die Frage, was Landschaften nicht mehr zeigen.


🔗 Mehr entdecken

Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.

 

➡️ Alle Bildserien zu den Photohikes findest du auf Flickr.

➡️ Ausgewählte Bilder sind als Prints auf Picfair erhältlich.

 

© Lars-Henrik Roth / Wanderspezi – the Photohiker. Texte und Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Urheberrecht. Eine Nutzung ohne vorherige Zustimmung ist nicht gestattet. Das Video zur Zeitreise wurde mit generativer KI nach einer Idee des Autors angefertigt.

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