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Nicht mehr vorhanden - Photohike Rech

  • Autorenbild: Lars-Henrik Roth
    Lars-Henrik Roth
  • vor 1 Tag
  • 8 Min. Lesezeit

Um kurz nach fünf stand ich auf einem Parkplatz in Rech, auf dem früher nie einer frei war. Über den Weinbergen kündigte sich eine gute Röte an, und der Morgen lief genau so, wie ich ihn geplant hatte. Nur die Bank am Rastplatz war trocken. Kein Tau, obwohl Temperatur und Taupunkt sich fast berührten.



I. Schotter, wo Autos standen


Bei der Planung hatte ich mir Gedanken über den Parkplatz gemacht. Ich kannte ihn aus der Erinnerung: ein Streifen an der Uferstraße, direkt vor dem Hotel, meistens belegt von Hotelgästen. Weiter unten standen immer die Camper. Ich sah mich schon im Dunkeln durch Rech kurven und einen Platz suchen, während oben am Hang das erste Licht anfing.


Um kurz nach fünf war ich da, und es war anders.


Der Parkplatz war ein leerer Schotterstreifen. Das Weinrestaurant dahinter war mit Brettern vernagelt, jedes Fenster im Erdgeschoss eine Platte. Ein Teil des Gebäudes stand im Gerüst. Es sah nicht aus, als hätte dort in letzter Zeit jemand gearbeitet. Ich stellte den Wagen ab. Mein Parkplatz-Glück hatte einen schalen Beigeschmack.


Als ich die Autotür öffnete, kam mir kühle Sommerluft entgegen. Kein Geräusch, kein Auto auf der Straße. Die Ahr musste ein paar Schritte entfernt sein, aber ich hörte sie nicht, und ich roch sie auch nicht. Die Luft war kalt und trocken.


Ich packte die Ausrüstung, schnürte die Schuhe und ging los. Die Navi-App zeigte mir den Weg.


Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, stand ein Kasten und leuchtete.


Das Licht war grell und kalt. Es hatte hier nichts zu suchen. Die modernen Straßenlaternen um mich waren gedimmt, und mittendrin dieses weiße Rechteck, das aussah wie ein Kühlregal in einer Großstadt. Ich ging näher heran. Es war ein Weinautomat. Reihen von Flaschen hinter Glas, gekühlt, Selbstbedienung, rund um die Uhr. Mein spontaner Impuls war zu prüfen, ob man kontaktlos bezahlen kann.


Ich ließ es und ging weiter.



II. Am Mauerrest


Ich war vielleicht dreißig Meter gegangen, als das Smartphone in meiner Hand zu sprechen anfing.


Du hast den Ort Nepomukbrücke – nicht mehr vorhanden – erreicht.

Es schepperte aus dem kleinen Lautsprecher in die Stille des Morgens, und ich zuckte zusammen. Nicht wegen der Lautstärke. Wegen des Satzes.


Die Nepomukbrücke war für mich immer ein Wahrzeichen dieses Tals gewesen. Vier Bögen aus dunklem Bruchstein, der Heilige oben auf dem Geländer, dahinter die Weinberge. Ich hatte mir eingebildet, sie sei römisch. Irgendwann hatte ich nachgelesen, dass die Bürger von Rech sie gebaut hatten, im achtzehnten Jahrhundert. In meinem Kopf blieb sie trotzdem älter, als sie war.


Jetzt stand ich davor. Es gab aber nichts, wovor man hätte stehen können.


Am Straßenrand war ein Stück Mauer übrig, ein Rest der Einfassung, so hoch wie mein Oberschenkel. Ich strich mit der Hand darüber. Die Grauwacke war verwittert, rauh unter den Fingerkuppen, und sie war warm. Nicht sonnenwarm, dafür war es zu früh. Sie hatte die Wärme des Vortags gespeichert und noch nicht abgegeben.


Daneben, an der abgerissenen Uferkante, standen die Betonklötze. Graue Blöcke mit aufgesetzten Noppen, wie Lego-Steine, nur riesig.


Vorsichtig legte ich die Hände auf und beugte mich vor. Der Beton war kühl.


Unter mir lag die Ahr. Fünfzehn, zwanzig Zentimeter tief, mehr nicht. Überall ragten Schieferplatten aus dem Wasser. Man hätte die Schuhe anbehalten und hinübergehen können, ohne nass zu werden.


Und dann fiel mir auf, was fehlte.


Kein Plätschern. Kein Glucksen an den Steinen. Nichts. Der Fluss lag im Halbdunkel unter mir, fast unsichtbar, und machte kein einziges Geräusch.


Ich blieb noch einen Moment so stehen, die Hände auf dem Beton. Dann richtete ich mich auf und ging weiter.



III. Der Kamm fängt an zu glühen


Der Weg zog gleich an. Nach der Brücke über die Eisenbahn ging es in die Weinberge, und ich merkte den Anstieg sofort in den Waden. Bis eben hatte ich Gänsehaut gehabt, jetzt wurde mir warm. Mein Atem ging schneller, als er sollte.


Je höher ich kam, desto heiler wurde die Welt um mich herum. Die Wege waren fest wie immer. Die Weinstöcke standen in Reih und Glied, jeder Draht gespannt, jede Gasse gerade. Von hier oben war unten nichts mehr zu erkennen, außer Umrissen. Die blaue Stunde legte einen gefälligen Mantel über das Tal.


Weinberge bei Rech im frühen Morgenlicht mit Blick über das Ahrtal und den gewundenen Wirtschaftsweg im Vordergrund.

Über den Bergen gegenüber lag ein erster rosa Streifen an den Wolken. Die Silhouette des Krausberg-Turms zeichnete sich darin ab, ein dunkler Strich auf dem Kamm. Ich musste schneller Höhe gewinnen, wenn ich noch aufbauen wollte.


Halb sechs fand ich, was ich brauchte. Ein Rastplatz etwas oberhalb des Weges, dazu ein Tisch mit einer Betonplatte, breit genug für Stativ und Rucksack. Ich baute auf und richtete die Kamera aus.


Dann fing der Kamm an zu glühen.


Es war eine gute Röte. Sie kam schnell und blieb lange, sie lief von Orange ins Rosa und wieder zurück, und sie stand genau über dem Abschnitt, für den ich sie mir gewünscht hatte. Ich arbeitete. Mir war kalt an den Händen, und ich hätte an keinem anderen Ort sein wollen.


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Nebel gab es keinen. Das hatte ich mir als Zugabe erhofft, mehr nicht, und ich dachte auch nicht lange darüber nach. Merkwürdig war nur, dass Temperatur und Taupunkt sich fast berührten und trotzdem nichts geschah. Ich fuhr im Vorbeigehen mit der Hand über die Sitzbank, dann über die Tischplatte.


Beide trocken. Nicht einmal ein Film.



IV. Kurze Schatten


Gegen sechs brach ich auf. Der Schwedenkopf liegt weiter oben, eine exponierte Nase gegenüber der Saffenburg, und ich dachte mir, vielleicht hängt dort ja doch noch etwas Dunst in den Seitentälern.


Historische Kanone am Aussichtspunkt Schwedenkopf mit Blick über das Ahrtal und die Weinberge bei Mayschoß

Ich ging zügig. Die Sonne gewann schneller an Höhe als ich, aus den Weinbergen wurde Eichenwald, der Weg zog in den Beinen. Als ich oben ankam, lag noch Goldlicht auf den Hängen.


Nichts hing in den Seitentälern.


Ich sah mich um und begriff, warum. Der Weg, auf dem ich gekommen war, war kein Weg mehr, sondern Staub. Das Gras neben der Bank stand gelb wie Stroh, und es stand so schon eine Weile. Hier war lange kein Regen gefallen.


Und es war still.


Rotkehlchen auf einer hölzernen Relaxliege am Schwedenkopf mit Blick auf Mayschoß im Ahrtal.

Das war es die ganze Zeit schon, aber ich hatte es nicht registriert. Ich hörte Vögel im Unterholz rascheln, ich sah sie auffliegen, wenn ich zu nah kam. Auf der Liege am Aussichtspunkt saß ein Rotkehlchen, aufgeplustert, keine drei Meter von mir entfernt, und ließ mich stehen. Es sah mich an. Es blieb sitzen.


Es sang nicht. Keiner von ihnen sang.


Dann wurde das Licht hart. Es passierte schnell, wie immer im Juli, die Schatten zogen sich unter die Sträucher zurück und wurden kurz und schwarz. Warten lohnte nicht mehr. Ich ging weiter.



V.  Graue Schuhe


Der Wald wurde dichter, kleine knorrige Eichen, viel Unterholz, wenig Durchblick.


Und dem Boden fehlte etwas. Die Brombeeren ließen die Blätter schlaff hängen, alle, nicht nur die am Rand. Selbst die Brennnesseln waren am Vertrocknen, und Brennnesseln geben eigentlich nicht so schnell auf. Bei jedem Schritt stieg feiner Staub auf. Ich blieb stehen und sah an mir herunter.


Meine Schuhe waren komplett grau. Nicht nur staubig. Grau.


Ich hatte meine Bilder. Die Röte war gelaufen, der Morgen war das gewesen, weswegen ich um vier losgefahren war. Ich hätte weitergehen und die nächste Aussicht mitnehmen können, das Tal von der anderen Seite, die Saffenburg im Gegenlicht. Es hätte funktioniert.


Ich wollte es nicht mehr.


Ich suchte nicht mehr das große Bild. Ich suchte nach Details. Nach Dingen, die man leicht übersieht, wenn man den Kopf oben hat.


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Ich ging nun anders. Langsamer, mit dem Blick auf Kniehöhe, die Kamera mit dem Tele bereit. Ich ging in die Hocke vor einer Distel am Wegrand, die zwischen all dem Braun in einem satten Violett stand, und brauchte drei Versuche, bis der Hintergrund weich genug war. Ein Stück weiter eine Wilde Möhre, halb geschlossen, das Dolde-Nest gegen das Licht wie ein Käfig.


Es war immer noch still. Das gehörte jetzt dazu.



VI. Was zuerst wieder zu hören war


Hinter der Akropolis-Hütte ging es hinunter. Der Hang war von vielen Füßen zu Staub zermahlen, darauf lag loses Geröll, und beides zusammen rutschte unter den Sohlen weg. Die kleinen Eichen standen dicht am Weg wie Tore beim Abfahrtslauf. Ich suchte mir eigene Serpentinen, quer, immer quer, weil es geradeaus nicht ging. Der Rucksack zerrte bei jedem Ausgleichsschritt an einer Schulter. Zweimal ging ich in die Knie und griff nach einem Stamm.


Auf halber Höhe hörte ich das erste Geräusch seit Stunden. Ein Trecker, tiefer Richtung Tal, tuckernd, und eine Weile später kam ich an ihm vorbei. Die Winzer waren längst in ihren Bergen. Kurz darauf brummte irgendwo eine Motorsäge, weit weg, mit diesem An und Aus, das man nicht orten kann.


Erst die Maschinen. Alles andere brauchte länger.


Der Weg wurde wieder horizontal und führte in die Weinberge zurück. Dort, in der Sonne, kamen die anderen Geräusche. Es raschelte auf dem Schiefer, und wenn ich hinsah, war schon eine Eidechse weg. Hummeln brummten von Blüte zu Blüte, schwerfällig und laut. Schmetterlinge taumelten um mich herum. Irgendwo schnarrten Elstern.


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Dann kam der Blick auf Mayschoß, und ich setzte das Tele an.


Erst da sah ich die Wunden wieder. Das Klärwerk unten am Fluss, aufgegeben. Die Ufersicherungen, lange Bänder aus gesetztem Stein. Die neue Eisenbahnbrücke, die noch aussieht, als hätte sie jemand versehentlich dort abgestellt. Das mobile Klärwerk. Dazwischen die Ahr als friedliches Flüsschen, das man in Schuhen durchqueren kann.


Mit bloßem Auge hatte ich die Wunden kaum erkannt. Ich musste sie mir heranholen.


Blick ins Ahrtal bei Mayschoß mit Ahr, Straße, aufgegebener Kläranlage und den umgebenden Weinbergen.


VII. Wo die Brücke war


Auf dem Rotweinwanderweg waren es noch zwei Kilometer bis zum Auto. Ich sicherte die Kameras am Tragegestell und ging schneller. Der Weg füllte sich. Noch waren es die Sportlichen mit den Stöcken, die Weinwanderer würden später kommen. Meine Schultern hatten inzwischen genug.


Dann war ich wieder unten an der Straße. Ich stand wieder da.


Im Dunkeln war es eine Stelle gewesen, an der etwas fehlte. Jetzt, um kurz vor elf, war es einfach eine Uferbaustelle. Die Betonklötze standen grau und ohne Schatten in der Sonne. Dahinter die Steinschüttung, davor der Mauerrest, brusthoch, verwittert. Auf der anderen Seite ein Haus im grünen Gerüstnetz, ein Maibaum, eine planierte Fläche.


Wer die Brücke nicht kannte, würde hier nichts vermuten. Ein Stück alte Mauer am Straßenrand, wie es sie überall gibt. Ich packte die Kamera noch einmal aus und fotografierte, was geblieben war: den Mauerrest, die Betonklötze, das flache Wasser.


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Es klingt wahrscheinlich merkwürdig, aber in diesem Moment habe ich mich von dem vertrauten Bild der alten Brücke verabschiedet. Dabei war es nie meines gewesen. Ich war zweimal hier, vor der Flut, und beide Male habe ich sie stehen lassen. Vier Bögen, der Heilige, die Weinberge dahinter — mir zu schön, mir zu fertig. Das machen andere, hatte ich gedacht. Das gibt es schon auf jedem Kalender.


Ich habe ein einziges Foto von ihr, vom Hang gegenüber, an einem Nachmittag im September. Mit dem Smartphone gemacht.


Die Kamera hing wieder am Gurt, als ich die letzten Meter zum Parkplatz ging. Der Schotter knirschte. Es war heiß geworden.





Essenz: Die 7-Bilder-Serie

Sieben Bilder aus einem Morgen: Schönheit, Stille, Trockenheit, genauer Blick, Leben am Boden, herangeholte Wunden, Abwesenheit




Der Weg

Die Route: Aufzeichnung, Höhenprofil und praktische Hinweise findest du bei Komoot. Hier kannst du die Route auf Komoot öffnen


Mehr entdecken

Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.


Alle Bildserien zu den Photohikes findest du  HIER und auf Flickr.

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© Lars-Henrik Roth / Wanderspezi – the Photohiker. Texte und Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Urheberrecht. Eine Nutzung ohne vorherige Zustimmung ist nicht gestattet.

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