Der unsichtbare Grat – Photohike Engelsley
- Lars-Henrik Roth

- vor 1 Tag
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Seit Jahren lag der Engelsley-Grat im Ahrtal vor meinen Augen – als bewaldeter Bergrücken, als Felswand, als Teil einer vertrauten Landschaft. Erst an diesem Morgen wurde er zu einem Weg. Und zu einer Erfahrung, die sich nicht fotografieren ließ.
Von Lars-Henrik Roth
Seit Jahren vor Augen
Mein Daumen stoppte an einem Video über Kletterer in den Dolomiten. Schade, dachte ich, mit meiner selbst gewählten 90-Minuten-Regel geht das nicht. Da fiel mir unvermittelt der Engelsley-Grat ein, bei Altenahr. Ich saß plötzlich aufrecht. Er stand seit Jahren auf einer inneren Liste. Dort wurde nie etwas abschließend geprüft: galt als gefährlich, ich bin mit Ausrüstung unterwegs – also ausgeschlossen. Ich hatte die Tour nie näher untersucht, keine Karte studiert, keinen Bericht gelesen.
Verrückt, dachte ich, und öffnete die Planungs-App.

Die Fahrt war ruhig, auf der Autobahn lag schon ein zarter Streifen Morgenröte. Still freute ich mich, dass die Planung diesmal aufzugehen schien. Beim Abbiegen ins Ahrtal fing ich an zu zweifeln: Wo war der versprochene Nebel? Die Sicht war prächtig, nicht einmal Dunst. Dabei war sich die Wetter-App um 23 Uhr noch sicher gewesen, hier würde Talnebel stehen. Dann eben ohne Nebel, entfuhr es mir laut.
Um 4:13 Uhr stellte ich den Wagen am Bahnhof von Altenahr ab und legte die Ausrüstung an. Ich ging los, am Bahnsteig entlang, an seinem Ende begann der Pfad. Stirnlampe an. Es wurde sofort steil, der Weg war eng, man merkte, dass hier lange niemand gegangen war. Während der Lichtkegel über den Boden hüpfte, wurde mein Atem schneller.
Am Schwarzen Kreuz dann erste Fotos. Gegenüber lag der bewaldete Rücken der Engelsley, dunkel und ruhig.
Ein Bild genügt
Um 5:14 Uhr ging ich weiter zum Teufelsloch, einem meiner liebsten Orte im Ahrtal. Noch stand die Sonne hinter dem Bergkamm. Dann der Schreck: Die Sonnenstand-App zeigte, dass die Sonne versetzt erscheinen würde, nicht im Felsrahmen. Die Zufriedenheit rutschte weg. Kein Nebel, kein brennender Himmel. Wieder nur eine schöne Wanderung.
Ich saß auf der Bank, wischte Beschlag von der Linse. Als ich den Blick hob, schob sich gerade die Sonne an die Kante des Bergrückens. Genau gegenüber. Die App hatte falsch gerechnet. Ich bekam meinen Blendenstern. In Ruhe reihte sich Bild an Bild, während die Sonne stieg und den Stern immer kräftiger zeichnete.

Beim Abstieg vom Felsloch, auf der glatten, abschüssigen Platte, fiel es mir wieder ein: Ist hier nicht vor gut zehn Jahren eine Frau tödlich verunglückt? War sie nicht sogar im Alpenverein? Kurz zog es in der Bauchgegend. Vor mir lag noch der Grat. Sollte ich das wirklich machen? Als ich den sicheren Wanderweg erreichte, hielt ich kurz an. Mein Bild des Tages war im Kasten; niemand hätte mir einen Vorwurf gemacht.
Schließlich ging ich weiter.
Der Rastplatz, der keiner war
Auf einem Pfad durch lichten Eichenwald, immer wieder unterbrochen von felsigen Abschnitten, die manchmal etwas Kletterei verlangten, umrundete ich den Berg und stieg ab ins Langfigtal. Unten wählte ich den fast zugewachsenen Pfad zur Ahr. Der Weg wurde immer schmaler, Brennnesseln, mannshoch. Würde ich den Einstieg überhaupt finden?
Dann sagte die Frauenstimme der Navigations-App in die Stille: „Du hast den Rastplatz Langfigtal erreicht.“ Aber da war nichts. Nur eine alte Eiche. Nicht einmal ein Stein oder ein Baumstumpf zum Sitzen. Irgendwo hier musste der Einstieg sein. Ich machte Pause im Stehen und aß einen Nussriegel.

Ich studierte die Karte auf dem Handy, ging hin und her. Am Ende blieb nur ein schmaler Streifen hinter dem Unkraut übrig, mehr die Andeutung eines Weges. Ich setzte den Fuß darauf. Ich würde den Grat gehen.
Nur noch der Grat
Tatsächlich: ein Pfad. Er schlängelte sich zwischen Eichen zügig ansteigend nach oben. Gut, mein Atem war beschleunigt – aber das sollte T4 sein? Ein alpiner Bergweg, auf dem man stellenweise klettern muss? Meine bisherigen T4-Erfahrungen bedeuteten Klettern, auf allen Vieren über Felsen. Das hier sah harmlos aus.
Nach etwa vierhundert Metern revidierte ich kleinlaut meine Meinung. Ich stand vor der ersten Felswand. Hier würde ich die Hände brauchen. Mir fiel ein, dass die Kletterhandschuhe im Auto lagen. Es war wohl zu dunkel gewesen auf dem Parkplatz. Der scharfe Schiefer schnitt in die Handflächen. Selbst schuld.

Je weiter ich kam, desto klarer wurde: Das war ein anspruchsvoller Kletterpfad, und es gab keinerlei Sicherung. Keine Ahnung, warum manche das einen Klettersteig nennen. Klettersteige sehen in meiner Welt anders aus.
Es gab kein Ausweichen, keinen friedlichen Abstieg, weil man sich geirrt hatte. Es gab nur den Grat, vorwärts oder rückwärts, kein Rechts und Links. Ich war sehr konzentriert. Wieder ein Felsen, wo man die Trittstufen erst suchen musste. Es begann in den Armen zu ziehen. Ich achtete nicht mehr darauf, dass die Kleidung sauber blieb. Und langsam beschlich mich der Gedanke, dass es nicht schlau gewesen war, mit zwei Kameras zu gehen. Die vor der Brust war in Ordnung, die an der Hüfte störte bei jedem Zug. Ich wünschte, ich könnte freier klettern. Der nächste Tritt lag fast auf Hüfthöhe. Ich zog das Bein hoch und stemmte mich an der Wand hinauf. Da rutschte die Hüftkamera aus der Halterung. Zum Glück nur ein paar Kratzer. Ich musste mich erst mal setzen.
Fotografiert wurde, wo es ging. An den schwersten Stellen blieb die Kamera am Gurt: Da gehörten beide Hände an den Fels.
Mein Gott, dachte ich, ich bin im Ahrtal! Niemals würde man von unten ahnen, was hier oben wartet. Ich lief dem scheinbar gut sichtbaren Weg hinterher – und endete am Abgrund, an einer glatten Felswand. Zurück. Neuer Versuch. Die knorrigen Krüppeleichen dienten als Haltegriffe. Das waren die sicheren Stellen.
Am südlichen Gipfelkreuz machte ich kurz Pause und schaute ins Land. Wie oft hatte ich genau hierher geschaut: vom Teufelsloch, von der Teufelsley, aus dem Langfigtal, von der Burg. Ein bewaldeter Rücken, mehr nicht. Dass da oben ein Weg verlief, war mir in all den Jahren nicht aufgefallen. Ich hatte auch nie auf der Karte nachgesehen. Der Grat galt als gefährlich – das hatte genügt, um nicht hinzusehen.
Endlich erreichte ich das nördliche Kreuz und machte Rast. Dort gab es ein Gipfelbuch, ziemlich zerfleddert und voll. Ich las und staunte über die vielen Einträge. Zwischen die Botschaften aus April quetschte ich ein „Wanderspezi was here“. Hier schien einiges los zu sein.
Begegnet war mir bis jetzt niemand.

Keine Abkürzung
Rasch ging ich weiter. Laut App müsste der Weg bald von T4 auf T3 wechseln, es müsste einfacher werden. Es wurde nicht einfacher. Vor mir lag ein Zwilling des Teufelslochs – nur ohne das sichernde Gitter am Abgrund. Ich schaute nach unten und trat zurück. Dann ging es endlich bergab. Einen T4 hinaufzuklettern ist anstrengend; ihn hinunterzuklettern noch einmal eine Schippe drauf, besonders mit Kameras am Körper. Meine Füße tasteten unter mir nach Felsstufen, Wurzeln, irgendwas. Es ging mühsam vorwärts. Ich beschloss, zur Bundesstraße abzusteigen, sobald es ging, um abzukürzen. Ich ging immer wieder vermeintlichen Weggabelungen nach – vergeblich. Es folgte nur die nächste Kletterstelle.
Ich fand keine Abkürzung. Der Pfad stieg wieder an. Die Burg Are kam immer näher; ich hatte die Karte wohl falsch verstanden. Die Felswände fielen fast senkrecht ab. Plötzlich steckten da Bodenanker zur Seilsicherung im Fels – aber keine Seile. Mir wurde klar: Mein Weg würde erst an der Burg enden. Hier gab es keinen sicheren Abzweig nach unten. Der Fels wurde noch einmal steil und glatt. Ich verstand, wofür die Seilsicherungen einmal gut waren.
Dann stand sie vor mir, die Mauer der Burg Are. Zwei Trittsteine halfen, etwas höher zu kommen. Ich legte die Kameras oben auf die Mauer, kletterte über dieses letzte Hindernis und nahm sie wieder auf.

Aus dem Nichts
Ich trat durch einen schmalen Torbogen auf den Burghof und suchte mir eine Bank im Schatten. Ich war erleichtert, dass ich es geschafft hatte – und nachdenklich.
Um mich schlenderten Touristen und besichtigten die Burg. Wahrscheinlich fragten sich einige, warum der Fotograf auf der Bank so erschöpft aussah – so steil war der Weg herauf doch gar nicht. Und da ich am anderen Ende der Anlage über die Mauer gestiegen war, musste ich für sie wie aus dem Nichts erschienen sein. Ich schmunzelte.
Dort, wo ich herkam, gab es keinen Weg.
Essenz: Die 7-Bilder-Serie
Sieben Bilder aus einem Morgen: Rücken, Licht, Schwelle, Fels, Enge, Gipfel, Ankunft.
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Der Weg
Sicherheits-Tipp
Der Weg über die Engelsley ist kein gesicherter Klettersteig, sondern ein ungesicherter alpiner Pfad im Schwierigkeitsbereich T4. Steile Felsstufen, scharfkantiger Schiefer, schwierige Wegfindung und ausgesetzte Passagen verlangen Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Erfahrung im felsigen Gelände.
Der Grat bietet keinen verlässlich erkennbaren Zwischenabstieg. Vermeintliche Abzweige können an steilen Felsabbrüchen enden. Boden-/Felsanker sind stellenweise vorhanden, Seilsicherungen fehlen jedoch.
Nur bei trockenen Bedingungen gehen. Beide Hände müssen jederzeit frei sein. Fotoausrüstung so knapp und körpernah wie möglich tragen. Besser mit einer Bridge-Kamera, Action-Kamera oder dem Smartphone fotografieren als eine Systemkamera mit Wechselobjektiven nutzen. Wer bereits am Einstieg Zweifel an Trittsicherheit oder Wegfindung hat, sollte dort umkehren.
Die Route: Aufzeichnung, Höhenprofil und praktische Hinweise findest du bei Komoot. Hier kannst du die Route auf Komoot öffnen
Mehr entdecken
Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.
Wenn dich dieser Photohike berührt hat oder du eine Frage zur Tour hast, schreib mir gern direkt per E-Mail oder über das Kontaktformular.
© Lars-Henrik Roth / Wanderspezi – the Photohiker. Texte und Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Urheberrecht. Eine Nutzung ohne vorherige Zustimmung ist nicht gestattet.




























