top of page

Im Rausch – Photohike Schwalmbruch

  • Autorenbild: Lars-Henrik Roth
    Lars-Henrik Roth
  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Wochenlang hatte ich auf diesen Morgen gewartet. Als er endlich kam, war ich schneller als mein eigener Blick – und verlor unterwegs für eine Weile ausgerechnet das, wofür ich sonst losgehe.


Neun Grad

Kurz vor sechs stand ich auf dem Parkplatz Tackenbenden. Vor mir der Wald, der im Dämmerlicht der blauen Stunde eine Mauer war, ohne Tiefe, ohne Durchblick. Als ich die Fahrertür aufmachte und ausstieg, stand mein Atem wie Rauch in der Luft. Neun Grad. Ich blieb einen Moment stehen und atmete noch einmal aus, nur um es zu sehen.

Es war das erste Mal seit Wochen, dass die Luft überhaupt etwas mit mir machte.

Seit Juni war der Himmel derselbe gewesen. Hoch, blau, leer. Ein Wetter, das fast jeder schön findet und das mir fotografisch immer weniger gab. Ich hatte mir „Trockenhikes“ ausgedacht, hatte daraus gemacht, was die Trockenheit übrig ließ, und irgendwann die Saison im Grunde abgeschrieben. Vielleicht würde der Herbst im Oktober noch einmal etwas bringen. Gleichzeitig warfen die ersten Bäume schon im August Blätter ab.

Dann hatte am Samstagnachmittag das Handy Pling gemacht. Draußen fiel endlich wieder richtiger Regen. Auf dem Display: Nebelsignal für den nächsten Morgen am Niederrhein. Nebel! Zwei Minuten später hatte ich am Rechner gesessen und geplant.

Und jetzt stand ich hier, und von Nebel war nichts zu sehen.

Ich legte die Ausrüstung an, zog noch die Steppweste über und ging los, Richtung Feuchtwiesen.

Blühende Heide im Schwalmbruch mit Birken, bodennahem Nebel und einem sandigen Weg im warmen Morgenlicht.

Zwanzig Meter

Nach zwanzig Metern sah ich das Ende des Weges an einer Weide. Dahinter lagen Schleier zwischen den Bäumen. Zarter Nebel. Nicht viel, nicht dramatisch, aber da.

Ich ging schneller. Als ich am Weidezaun ankam, hatte ich die Kamera bereits in der Hand. Mein Herz schlug. Verrückt, was ein bisschen Nebel in einem Fotografen auslösen kann.

Ich führte die Kamera ans Auge, und in diesem Moment erwachte die Landschaft auch akustisch. Aus Westen, von jenseits der Grenze, krähten die ersten Hähne. Weit weg, mehrere, versetzt. Es hörte sich an wie Aufbruch.

Heute nehme ich, was kommt, sagte ich mir.

Das klang gelassener, als ich war.

Der Nebel lag flach über den Wiesen. Birken, einzelne Bäume, Baumgruppen, dazwischen die weißen Bänder. Das Licht war noch kühl und wurde wärmer, je näher der Sonnenaufgang rückte. Ich wechselte zwischen Weitwinkel und Tele, zog Ebenen zusammen, öffnete sie wieder. Wiese, Zaun, Nebel, Kronen. Nach den Wochen zuvor musste ich nichts suchen. Die Motive standen plötzlich überall.

→ Klicken für weitere Bilder

Volle Blüte


Nach etwas mehr als einem Kilometer hörte der Waldrand auf, und die Heide lag offen vor mir.

Sie stand in voller Blüte. Violett, flächig, bis an die Baumreihen im Hintergrund. Darüber der Nebel. Dazwischen Birken, einzelne Gehölze, weiche Staffelungen. Die Wolkendecke zerfaserte, goldenes Licht zeichnete die Ränder nach.

Da war es mit jeder Gelassenheit vorbei.

Ich stürmte nicht im wörtlichen Sinn durch die Heide. Dafür kam ich viel zu langsam vorwärts. Aber mein Blick stürmte. Ein paar Schritte nach links, und eine Birke stand frei. Zwei Meter zurück, und das Nebelband schnitt eine Baumgruppe anders an. Tele. Weitwinkel. Wieder Tele. Kamerawechsel. Weiter. Nach wenigen Metern schon wieder stehen bleiben.

Auf den letzten Hikes hatte ich Motive oft mühsam suchen müssen. Hin und her, einen Schritt tiefer, zwei nach rechts, noch einmal zurück. Hier war plötzlich Überfluss. Ich musste nichts aus der Landschaft herausarbeiten. Sie warf mir Bilder entgegen, und ich nahm sie.

Der Verschluss klickte pausenlos.

Um 07:09 lagen hundertachtzig Bilder auf der Speicherkarte. Ich war erst gut eine Stunde unterwegs.

Hundertachtzig.

Es fühlte sich nicht nach zu viel an. Es fühlte sich nach endlich wieder an.

Irgendwann sagte mir der fotografische Instinkt, dass in der Bildfolge der Nahbereich fehlte. Ich ging in die Knie. Ein blühender Erikabusch, darüber feine Spinnennetze, flach ausgespannt wie kleine Decken. Dahinter Wiese im Dunst, ein Baum. Ich machte das Bild, stand wieder auf und jagte weiter den nächsten Staffelungen hinterher.

→ Zum Vergrößern klicken

Oben nur noch Wetter

Gegen 7:20 erreichte ich den Aussichtsturm. Von oben, dachte ich, musste noch mehr gehen. Der Rundblick. Nebelstaffelungen in alle Richtungen. Noch einmal alles, nur größer.

Ich stieg die Stufen hinauf und drehte mich oben einmal um die eigene Achse.

Der Nebel hatte sich fast aufgelöst. Von unten war das weniger aufgefallen; dort stand noch genug davon zwischen Büschen und Bäumen, um die Landschaft weich zu machen. Von oben sah ich die ganze Fläche auf einmal. Ein paar Reste lagen noch in den Senken. Gleichzeitig schob sich von Westen die Wolkendecke zu, die Sonne verschwand im Grau.

Ich fotografierte trotzdem. Wacholder, Heide, Baumreihe am Horizont. Alles ordentlich, alles korrekt. Die Aufnahmen hatten keine Seele mehr. Unten war der Nebel Teil der Landschaft gewesen. Von oben war er nur noch Wetter.

Banal, dachte ich. Das war übertrieben, aber genau so fühlte es sich an, als ich die Kamera sinken ließ.

Blick vom Aussichtsturm über blühende Heide, Wacholder und Baumgruppen im Schwalmbruch unter grauem Morgenhimmel.

Das wird nichts mehr.

Die Heide als Motiv des Tages war damit abgeschlossen. Dachte ich.

Beim Hinuntersteigen war ich vor allem frustriert, dass die Produktion so plötzlich abgebrochen war. Ich hatte endlich wieder Bedingungen bekommen, von denen ich seit Wochen geträumt hatte – und wollte, dass sie gefälligst weiterlieferten.

Ebener Weg

Unten ging ich weiter.

Erst jetzt fiel mir auf, wie wenig ich an diesem Morgen eigentlich gegangen war. Natürlich hatte ich Strecke gemacht. Aber der Weg selbst war fast verschwunden gewesen, zerlegt in die paar Meter zwischen zwei Motiven. Normalerweise brauchte ich eine Weile, bis ich in einen Photohike hineinfand. Gehen, schauen, stehen bleiben, wieder gehen. Irgendwann wurde daraus dieser Zustand, in dem die Landschaft nicht mehr aus einzelnen Motiven bestand.

Diesmal hatte ich ihn übersprungen.

Nebel. Kamera hoch. Heide. Auslösen. Noch ein Bild. Noch eins.

Jetzt war das goldene Licht vorbei, die große Staffelung vorbei, und zum ersten Mal an diesem Morgen musste die Landschaft mir nichts liefern. Ich änderte den Blick: Wasser, Birken, Wald, Strukturen, Feuchte. Kleinere Dinge.

Der Weg war fast eben. Keine Steigung, kein Gegenanstieg, keine Felsen, kein Wurzel-Trail. Nichts, was Anstrengung kostete. Ich ging in ruhigem Tempo. Einfach nur gehen. Nach der ersten Stunde fühlte sich ausgerechnet das ungewohnt an.

Kiefernzweig mit Tautropfen und feinem Spinnennetz im feuchten Morgenlicht des Schwalmbruchs.

Im Wald begegnete mir etwas, das ich in den letzten Wochen sehr vermisst hatte: das Aroma.

Harzig, erdig, nach feuchtem Laub, nach Kiefern und Birken. Und darüber lag noch etwas anderes, süßlich, waldmeisterartig, fast wie ein Parfüm. Stark genug, dass ich langsamer wurde und nach der Quelle suchte.

Ich fand sie nicht.

Ich blieb stehen und atmete. Länger als nötig.

Es gab in diesem Moment nichts, was ich unbedingt fotografieren musste.


Sitzen bleiben

Am Heideweiher lag feiner Dunst über dem Wasser. Spiegelungen, eine kleine Insel, Schilf am Ufer. Das Licht war diffus geworden. Kein großes Lichtfenster mehr, kein Nebelspektakel. Trotzdem blieb ich.

Ich fotografierte zuerst die kleinen Dinge. Eine Schilfrispe, an der der Tau in Reihen hing. Ein Radnetz zwischen Halmen, auf jedem Faden Tropfen. Ein Kiefernzweig mit einem Netz zwischen den Nadeln.

Dann legte ich die Kamera weg.

Nicht, weil es nichts mehr zu fotografieren gab.

Es gab genug.

Ich setzte mich ans Ufer und blieb einfach sitzen. Der Dunst wurde dünner. Die Luft wurde langsam wärmer. Der süßliche Geruch aus dem Wald hing noch irgendwo in der feuchten Luft. Ich schaute aufs Wasser, auf das Schilf, auf die Spiegelungen.

→ Klicken für weitere Bilder

Zum ersten Mal an diesem Morgen wartete ich nicht auf das nächste Bild.

Da war er wieder, dieser Zustand, für den ich überhaupt losging. Nicht nur fotografieren. Gehen, wahrnehmen, irgendwo hängen bleiben, ohne sofort etwas daraus machen zu müssen.

Vielleicht war ich erst hier wirklich auf meinem Photohike angekommen.


Noch einmal Heide

Danach verließ die Magie die Landschaft langsam.

Der Bruchwald war schön zu wandern und fotografisch leer. Gleichmäßiger Weg, gleichmäßiges Grün. Der Niederrhein konnte so sein: Man fuhr wegen einer Landschaft los und merkte irgendwann, dass sie fotografisch im Wesentlichen aus einem Motiv bestand.

Ich überlegte zum ersten Mal, ob ich abkürzen sollte.

Dann kam die Sonne zurück. Die Wolkendecke wurde löchrig, zwischen den Stämmen standen Lichtbahnen. Ich probierte ein paar Gegenlichtmomente, zielte auf die hellste Stelle im Kronendach, vielleicht ließ sich ein Blendenstern setzen. Auf dem Display war davon nichts zu erkennen, auch nicht in der Vergrößerung.

Und dann lag neben dem Weg wieder Heide.

Dieselbe Fläche, die ich vom Turm aus für erledigt erklärt hatte. Jetzt ohne den frühen Nebel, dafür mit tief stehender Sonne zwischen Birken. Ich fotografierte sie noch einmal.

Ein paar Bilder.

Dann ging ich weiter.

→ Zum Vergrößern klicken


Zwei Quadratmeter


Blieb der Seerosenteich.

Den konnte ich mir nicht entgehen lassen. Ob die Seerosen um diese Jahreszeit noch blühten, wusste ich nicht. In meiner Fantasie blühten sie selbstverständlich.

Als ich ankam, war da ein Teich. Und ein riesiger umgestürzter Baum, der mit seinem Geäst quer im Wasser lag und mehr Platz einnahm als alles andere. Ich umrundete den Teich und fand schließlich die Attraktion: etwa zwei Quadratmeter Seerosen.

Ohne Blüten, natürlich.

→ Klicken für weitere Bilder

Jetzt beschloss ich endgültig abzukürzen.

Die Landschaft wurde mehr und mehr Kulturlandschaft. Weiden mit Kühen, breite Landwirtschaftswege, gerade Kanten. Nichts, was mich fotografisch noch interessierte. Ich ging zügig, ohne stehen zu bleiben. Die letzten Kilometer waren plötzlich einfach Strecke.

Während meine Fotografie endete, belebte sich der Morgen. Freundliche Jogger kamen entgegen. Männer auf Fahrrädern in Tour-de-France-Verkleidung schossen vorbei und feuerten sich gegenseitig an.

Zurück am Parkplatz trat ich endgültig wieder in die Zivilisation ein. Eine fröhliche Wandertruppe sammelte sich, Stimmen, Lachen, Rucksäcke.

Ich legte die Ausrüstung ab und setzte mich zum Frühstück in den Kofferraum.

Die Wanderer zogen winkend los in den Morgen. Ich winkte zurück und blinzelte in die Sonne.

Die Kameras ruhten, ordentlich verstaut.


Gut, dass niemand meinen Fotografenrausch im Frühlicht mitbekommen hatte.




Essenz: Die 7-Bilder-Serie

Sieben Bilder aus einem Morgen: Verheißung, Überfluss, Präzision, Bruch, Verlangsamung, Rückkehr, Nachhall

  • Verheißung
  • Überfluß
  • Präzision
  • Bruch
  • Verlangsamung
  • Rückkehr
  • Nachhall

→ Zum Vergrößern klicken

Alle 7er-Serien findest Du hier.


Der Weg

Die Route: Aufzeichnung, Höhenprofil und praktische Hinweise findest du bei Komoot. Hier kannst du die Route auf Komoot öffnen.


Mehr entdecken

Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.


Alle Bildserien zu den Photohikes findest du  HIER und auf Flickr.

Wenn dich dieser Photohike berührt hat oder du eine Frage zur Tour hast, schreib mir gern direkt per E-Mail oder über das Kontaktformular.


© Lars-Henrik Roth / Wanderspezi® – the Photohiker. Texte und Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Urheberrecht. Eine Nutzung ohne vorherige Zustimmung ist nicht gestattet.

Neue Photohikes erscheinen unregelmäßig – aber nicht unangekündigt.

bottom of page