Die Weite war noch Winter
- Lars-Henrik Roth

- vor 23 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Ein Morgen an einem vertrauten Ort. Die Erwartung war Frühling. Was ich fand, war kleiner.
Von Lars-Henrik Roth

Keine Daunenjacke
In der Kölner Bucht wollte der Frühling nicht mehr warten. Ich merkte es zuerst an den Vögeln: Sie weckten mich vor dem Wecker, jeden Morgen ein wenig früher, ein wenig lauter. Die Nächte waren noch kühl, aber in den Gärten standen längst Krokusse und Schneeglöckchen, und irgendwo war schon das schwere Summen einer Hummel zu hören. Der blasse, schneelose Winter lag hinter uns - und mein Herz war längst weiter.
Meine Gedanken gingen zu einem alten Bekannten: dem Bürvenicher Berg und der Hubertuskapelle bei Floisdorf. Ein vertrauter Ort, der für mich seit langem etwas trägt. Bestimmt, dachte ich, müssten dort jetzt schon die ersten Frühblüher stehen. Viel plante ich nicht. Wozu auch? Die Gegend kannte ich gut.
Frühlingskleidung, keine dicke Daunenjacke mehr.

Ein Berg ohne Antwort
Als ich am Morgen an der Kapelle ankam, war von Frühlingsaufbruch wenig zu spüren. Schon beim Aufstellen des Stativs spürte ich es: die Kälte in den Fingerkuppen, in den Metallbeinen, in den kleinen Schrauben, die man nicht mehr richtig greifen kann. Keine Handschuhe. Natürlich nicht.
Über dem Horizont stand kein letzter Stern mehr, aber auch noch kein Streifen Morgenrot. Nur diese blassblaue Kälte, die alles offenließ und doch nichts versprach. Ich wartete auf ein Zeichen - auf ein Leuchten, einen Farbsaum, irgendetwas, das meine Erwartung bestätigte.
Einmal, kurz, hing ein blasser Rosaton über dem Horizont. Nicht Morgenrot - eher das Gerücht davon. Dann war es wieder weg.
Aber die Weite vor mir blieb still und zurückhaltend, als wollte sie mit dem Frühling noch nichts zu tun haben.
Ich blieb länger an der Kapelle, als es das Licht eigentlich rechtfertigte. Immer wieder glitt mein Blick über die Felder, über die sanften Linien der Eifel, suchte irgendwo nach einem Hinweis, dass ich mich nicht getäuscht hatte. Aber je heller es wurde, desto klarer zeigte sich nur die Zurückhaltung dieses Morgens. Die Bäume standen noch nackt am Rand der Wege, die Wiesen wirkten flach und kühl, und selbst das erste Licht brachte keine Wärme mit, sondern legte sich nur blass über das Land. Nichts daran war spektakulär. Nichts wollte sich öffnen. Die Weite lag vor mir wie eine Landschaft, die sich noch nicht entschieden hatte.
Schließlich löste ich mich von der Kapelle und warf das Stativ zurück ins Auto. Langsam ging ich hinüber zum Bürvenicher Berg, den Blick immer wieder zum Horizont hebend, als könnte das Morgenrot doch noch nachträglich erscheinen. Aber die Sonne stieg nur als matter gelber Ball im Dunst auf. Sie stand nun über dem Land, und doch wurde es nicht wärmer.

Als der Horizont nichts mehr trug
Ich hob die Kamera. Über mir, im Geäst, hingen Knospen - hunderte, dicht besetzt, Ast für Ast. Der Frühling war die ganze Zeit dort oben gewesen. Ich hatte durch ihn hindurchgeschaut, auf den Horizont.
Dann die Krüppelkiefer – ein alter Bekannter, auf fast jedem Bild vom Bürvenicher Berg, ein verlässliches Motiv. Aber auch sie wirkte im fahlen Licht eher verloren als charaktervoll. Ein Blick auf das Display genügte: Dieses Bild würde nichts tragen. Ich ließ es sein und setzte mich ins feuchte Gras, mehr aus Ratlosigkeit als aus Müdigkeit. Ich war bereit umzukehren.
Im feuchten Gras zog die Hose die Kälte sofort an. Ich merkte, dass ich den Horizont nicht mehr anschauen wollte – nicht aus Trotz, nicht aus Einsicht, einfach weil der Körper aufgehört hatte zu suchen. Der Blick fiel. Hinunter, auf das kurze nasse Gras, auf die kleinen Dinge dicht über dem Boden, auf das, was man nicht sieht, wenn man nach Morgenrot sucht.
Dort stand es.

Was unten schon begonnen hatte
Auf der anderen Seite des Weges, wo der Berg abfiel, standen zwei Veilchen. Davor, im Gras, eine leere Schneckenschale - spiralförmig, blass, still. Ich blieb sitzen und schaute. Kein großer Auftritt. Aber ich stand trotzdem auf, trat näher, ging auf die Hangseite hinüber. Und dann sah ich sie: Küchenschellen, die meisten noch fest geschlossen, pelzig und still im kurzen Gras. Kleine Boten, die niemanden riefen. Die einfach da waren.
Ich blieb noch eine Weile dort unten am Hang. Nicht, weil plötzlich doch noch ein großer Morgen daraus geworden wäre. Sondern weil ich begriff, dass ich an der falschen Stelle gesucht hatte. Die Weite hatte sich an diesem Tag nicht geöffnet. Sie blieb kühl, blass und zurückhaltend, als wolle sie mit dem Frühling noch warten. Aber unten im Gras, dicht über dem Boden, hatte er längst begonnen - leise, unspektakulär und ganz ohne Ankündigung.
Auf dem Rückweg dachte ich daran, wie selbstverständlich ich von der Kölner Bucht auf die Eifel geschlossen hatte. Als müsste dieselbe Jahreszeit überall im gleichen Takt erscheinen. Aber Landschaften haben ihr eigenes Tempo.
Als ich wieder am Auto ankam, war der Morgen nicht gerettet. Aber er war auch nicht verloren. Er hatte mir nur etwas Präziseres gezeigt, als ich gesucht hatte.
Die Weite war noch Winter. Der Boden war es nicht mehr.
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