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Das stille Verschwinden – Photohike Mont Royal

Autorenbild: Lars-Henrik Roth
Lars-Henrik Roth
7. Juni
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Sept.

Die Komoot-Tour versprach Kasematten, Bastionen, Geschichte im Wald. Was folgte, war ein Morgen zwischen Erscheinen und Verschwinden – Skyglow über dem Nebelmeer, eine Festung, die der Wald seit Jahrhunderten verschluckt hat, und eine weiße Decke, die am Ende alles zurücknahm.

Festungen

Ein Wort in einer Nachrichtenzeile stach mir ins Auge: Mont Royal. Oft hatte ich in einem nahegelegenen Ferienpark mein Basislager für Moselabenteuer aufgeschlagen. Nun ging es um einen Strafprozess – Männer, die 2012 einen ehemaligen Bundeswehrbunker im Hang erwarben und jahrelang darin eine Serverfarm für kriminelle Geschäfte betrieben. Fünf Stockwerke Beton, zwischen 1979 und 1983 in den Hang gegossen, 2019 ausgehoben. Und darunter, noch tiefer in der Geschichte: der Sonnenkönig Ludwig XIV., sein Baumeister Vauban, 50 Hektar Festungsanlage, ab 1687 errichtet – nur elf Jahre später bereits wieder verlassen und geschleift.


Der Mont Royal hat die Befestigungen immer wieder verschlungen.


Das war der Gedanke, mit dem ich um fünf Uhr in die Dunkelheit trat. Zwei Stunden früher als geplant. Ich hatte eigentlich Urlaub. Geplant war nur ein kurzer Spaziergang. Aber der Wetterbericht hatte am Abend eine klare Botschaft: Taupunkt-Spread unter einem Grad, absolute Windstille, Nebelsignal im Moseltal. In meiner Welt heißt das: GO. Also fünf Uhr mit leichtem Gepäck.


Blaue Stunde im Moseltal bei Enkirch, Tallichter und erster Nebel, Blick vom Eulenwerk auf dem Mont Royal.
Moseldämmerung am Mont Royal - die Welt ist noch da

Die klingenden Namen

Die Komoot-Tour hatte ich am Vorabend geplant. Die Wegpunkte trugen Namen wie Versprechen: Ostbastion. Begehbarer Tunnel. Gewölbekeller. West-Bollturm. Ich stellte mir vor, was mich erwartete – dunkle Kasematten, mächtige Mauern, Bastionen, die sich noch immer gegen den Wald stemmten.


Oft war ich am Mont Royal vorbeigefahren, hatte den bewaldeten Hang vom Ferienpark aus betrachtet. Dass in diesem Wald etwas lag – daran hatte ich nie gezweifelt. Ich war nur nie hineingegangen.


Der Plan war einfach: zuerst zum Eulenwerk, den Sonnenaufgang abwarten. Wenn die Ruinen am Wegesrand im Dunkeln etwas verhießen, würde ich den Weg bei Tageslicht noch einmal gehen.


Der Lichtkegel der Stirnlampe hüpfte auf und ab durch den Wald. Im Handydisplay sah ich die roten Wegpunkte näherkommen. Ich verlangsamte den Schritt. Das Licht tastete über Baumstämme, Moos, Waldboden. Dann ein Hinweisschild, ein paar Steine. Ich blickte auf das Display – der rote Punkt lag bereits hinter mir.


So ging es weiter. Punkt für Punkt verschwand hinter mir im Display. Kein Gewölbe. Kein Tunnel. Kein Mauerwerk, das sich gegen den Wald behauptete.


Ich stoppte abrupt. Dieser typische, scharfe Maggigeruch von Wildschweinen war mir in die Nase gekrochen. Das Licht der Lampe streifte über die Bäume am Wegrand. Es war kein Laut zu hören. Ein unwillkürlicher Schauer. Schnell setzte ich den Weg fort. Dann wieder nur der Wald. Lautlos. Als wäre nichts gewesen. Die feuchte Luft hatte den Geruch geschluckt.


Als der letzte klingende Name hinter mir lag, war die Entscheidung gefallen. Es gab nichts, wofür es sich lohnte, später zurückzugehen.


Dann lichtete sich der Wald.

Kleine Holzhütte am Eulenwerk im Morgenlicht, umgeben von Wald, wo einst die Festung Mont Royal lag.
Am Eulenwerk

Die Landschaft beginnt zu atmen

Der Aussichtspunkt Eulenwerk öffnete sich. Der Wald wich zurück, und vor mir lag die Sichtachse nach Osten – das Moseltal bei Enkirch, die Schleuse, die letzten Lichter der Nacht. Stille. Kein Wind.

Was ich sah, war zunächst nicht viel: ein schmaler Orangestreifen über der Silhouette der Berge, im Norden ein erster Nebelschleier tief im Tal. Harmlos. Ich atmete durch.

Ich kniete mich hin, holte die Kamera heraus und überprüfte die Einstellungen. Die ISO-Automatik zeigte 12.800. Innerlich fluchte ich. Ohne Stativ, in dieser Dunkelheit – ich würde kämpfen müssen.

Ich blickte auf.

Der Nebel hatte sich bewegt. Lautlos, während ich auf das Display geschaut hatte, war er näher gekrochen – ins Tal hinein, auf mich zu, als hätte er auf meine Unaufmerksamkeit gewartet. Gleichzeitig begannen die Wolken zu leuchten.


  • Der Nebel greift ins Tal
  • Der Ort wird zur Insel
  • Nur noch Nebel und Wald

→ Zum Entdecken wischen

Aus dem harmlosen Streifen am Horizont wuchs Bewegung.


Pink. Orange. Lila.


Das Morgenrot kam nicht als einzelner Höhepunkt. Es veränderte sich von Minute zu Minute. Der Nebel stieg höher, verschluckte die Häuser, dann die Hügel. Die Wolken glühten. Ich fotografierte, kniete, stand wieder auf, wechselte den Ausschnitt. Die ISO blieb hoch, die Bilder rauschten – später würde ich um jede Datei kämpfen müssen.


Letzter großer Lichtausbruch, Skyglow in Pink und Orange über dem Nebelmeer – Eulenwerk Mont Royal, Mai 2026.
Skyfire über dem Nebelmeer – der kurze Moment, in dem der Morgen brennt.

Dann stand die Sonne über dem Horizont. Aber sie stand bereits im Nebel.


Das Tal war verschwunden. Was eine halbe Stunde früher noch Lichter, Häuser, Hänge gewesen war – jetzt eine gleichmäßige weiße Fläche, reglos, als hätte es das alles nie gegeben.


  • Fading I
  • Fading II
  • Fading III

Fading I-III

Ich packte die Kamera ein und wandte mich nach Westen.


Im Wald: nur Wald

Das Morgenlicht traf den Wald von der Seite. Die Stämme leuchteten golden, der Boden dampfte leicht. Es war schön hier. Ich ging tiefer hinein.


Unter den Füßen: merkwürdige Bodenwellen, lange Hügel, Vertiefungen, ab und zu ein Loch mit einer Absperrung. Langsam begann ich, diese Topografie zu lesen. Das waren keine natürlichen Geländeformen. Das waren vergrabene Wälle, eingestürzte Kasematten, die Grundrisse von etwas Gewaltigem, das jetzt unsichtbar war.


Dann eine Tafel. Groß, am Wegesrand, mit einer gezeichneten Rekonstruktion der Festungsanlage. Bastionen, Gräben, Tore, Mauern, ein System von fünfzig Hektar. Und darauf ein Punkt: Sie befinden sich hier.


Ich schaute auf. Hohe Bäume mit schwerem Efeubewuchs. Bodenwellen. Stille.


Im Wald: nur Wald.


Schön, nahezu romantisch. Aber von der Festung keine Spur.


Etwas später ein Kletterpark. Er lag still in der frühen Stunde. Über den Baumkronen trieben erste Nebelfetzen. Dann, etwas tiefer am Wegrand: eine Mauer. Mit Schießscharten. Ich blieb kurz stehen. Eine Mauer — das war alles, was sich von fünfzig Hektar Bollwerk noch zeigte.

Goldener Nadelwald im Morgenlicht auf dem Mont Royal – dort, wo die Festung Ludwigs XIV. einmal stand.
Im Wald: nur Wald. Goldenes Licht über einem verschwundenen Bollwerk.

Der Wald öffnete sich nach Westen. Die Kröver Moselschleife lag vor mir. Alles schlief noch. Stille Häuser, stilles Wasser, glimmende Straßenbeleuchtung. Aber der Nebel hatte die Kurve genommen — auch hier schob er sich ins Tal, langsam, ohne Eile.


Mein Autofokus fand keinen Fixpunkt mehr.


Unter der weißen Decke

Ich ging schneller. Der Nebel kam mir entgegen.


Dann wurde alles milchig. Die Moselschleife versank. Die Hänge versanken. Zuletzt versank der Himmel selbst. Um mich nur noch Weiß — kein Horizont, kein Fixpunkt, keine Richtung außer dem Weg unter meinen Füßen.


Kurz vor den ersten Häusern des Ferienparks schloss sich die Decke endgültig.


Der Morgen hatte mit der Suche nach Licht begonnen. Aber das eigentliche Bild war nicht das Erscheinen.


Es war das Verschwinden.

Sonne als blasse Scheibe im Morgennebel auf der Westseite des Mont Royal, Mosel, Rheinland-Pfalz.
Kurz vor dem Ferienpark schließt sich die weiße Decke




Essenz: Die 7-Bilder-Serie

Sieben Bilder aus einem Morgen: Welt, Nebel, Insel, Feuer, Kippen, Wald statt Festung, Weiß.


  • 1 · Welt
  • 2 · Nebel
  • 3 · Insel
  • 4 · Feuer
  • 5 · Fading
  • 6 · Wald statt Festung
  • 7 · Weiß

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Hinweis: Die Bilder sind für die Darstellung im Web optimiert und liegen hier nur in reduzierter Auflösung vor.


Alle 7er-Serien findest Du hier.

 




Der Weg


Die Route: Aufzeichnung, Höhenprofil und praktische Hinweise findest du bei Komoot. Hier kannst du mit einem Klick auf die Karte die Route auf Komoot öffnen.


Mehr entdecken

Photohiking bedeutet: Gehen. Sehen. Erzählen. Mehr dazu – und viele weitere Touren – findest du auf photohikers.de.


Alle Bildserien zu den Photohikes findest du  HIER und auf Flickr. ✉️ Wenn dich dieser Photohike berührt hat oder du eine Frage zur Tour hast, schreib mir gern direkt per E-Mail oder über das Kontaktformular.


© Lars-Henrik Roth / Wanderspezi – the Photohiker. Texte und Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Urheberrecht. Eine Nutzung ohne vorherige Zustimmung ist nicht gestattet.

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